Wann machst du das nur alles?

Ruhe.

Als Debütant hat man ja selten die Ruhe, die es eigentlich braucht, wenn man ernsthaft schreiben will. Ich habe eine Frau, zwei Kinder, einen Hund, Freunde, einen Cyborg, ein Bilderwitze- & Podcast-Duo und bin auch noch Freelancer, der sich seine Jobs selber suchen muss. Alles davon macht mich glücklich, doch allen in dem Maße gerecht zu werden, wie sie es verdient hätten ist unmöglich.
„Wann machst du das nur alles?“
Diesen Satz höre ich immer wieder von Freunden oder Kollegen, und jedesmal wundert mich diese Frage, denn ich bin ein unorganisierter, fauler Chaot, der gefühlt nichts hinbekommt von all dem, was eigentlich zu tun ist: Ich will zu viel und langweile mich relativ schnell. Das erklärt die diversen Branchenwechsel in meiner Vita und vielen Spielwiesen, auf denen ich mich nebenbei austobe. Neue Dinge anzufangen ist meine große Leidenschaft. Leider bin ich aber nicht der große Meister der letzten 10%, die ja bekanntermaßen das Schwierigste eines jeden kreativen Prozesses sind. Alles dauert dadurch viel zu lange oder verreckt kurz vorm Ziel.
Vor einiger Zeit wollte ich dem kräftezehrenden Leben in Multiversen ein Ende setzen, „erwachsen“ werden, und ich war ein Jahr als Teilhaber und Geschäftsführer bei der tollen Filmproduktion mookwe. Das war lehrreich und spannend, hat aber alles andere komplett auf Eis gelegt. Und das stellte sich dann doch als der falsche Plan heraus. Diverse Stubenhacker-Videos schlummern halbfertig auf meiner Festplatte. Unser Alphabeten-Podcast-Projekt ist seit über einem Jahr in Vorbereitung. Bilderwitze, fertig konzipiert und getextet, warten darauf von mir gezeichnet zu werden. Meine Frau und ich haben uns nach über zwanzig Jahren Ehe zum ersten Mal ein gemeinsames Atelier angelacht, das will gestaltet, belebt und eingerichtet werden.
Was mir längst klar ist: Würde ich mich auf eine Sache konzentrieren, ich könnte eventuell exzellent sein. Aber nur in einer Sache. So bleibe ich auf vielen Gebieten guter Durchschnitt und veröffentliche alle Jubeljahre eine CD, früher waren es Tapes, dann Bandcamp-/Soundcloud-Uploads, als letztes sogar eine LP, manchmal Bilderwitze, demnächst starten wir einen Podcast.

Aber wenn alles so läuft, wie meine Agentin behauptet, veröffentlicht tatsächlich irgendjemand in nicht so ferner Zukunft mein Buch.

Nach der unvorhersehbaren Dynamik, die das mit meinem Roman in den letzten Monaten aufgenommen hat, ist dies natürlich mein Hauptprojekt, bzw. wünschte ich, es wäre es. Gedanklich ist es das definitiv. Aber das Geld fließt zur Zeit nur dank meiner „Haupttätigkeit“ als Motion Designer, die mir immer noch riesigen Spaß macht, da ich inzwischen für meinen Stil gebucht werde und meist machen kann, was ich will und das den Leuten auch noch gefällt – ein Traum, auf den ich lange hingearbeitet habe.

Dennoch, was ich will und immer wollte ist: Schreiben.
Nur wann? Wann machst du das nur alles?
Im Urlaub bin ich regelmäßig um 5:00 Uhr aufgestanden und habe stundenlang in die aufgehende Sonne hineingeschrieben. (Siehe oben.) Seit ich zurück bin, habe ich das höchstens zwei Mal gemacht. (Und dann auch nicht mit so einem Ausblick.) Da meine Agentur das Manuskript aber noch vor der Buchmesse den passenden Verlagen anbieten wollte musste ich noch zwei Kapitel fertigstellen. In so einem Fall hilft nur eins: Mich selber unter Druck setzen. Wie geht das? Eine Deadline heraufbeschwören. Ich sage einfach zur Agentur: Bis Ende der Woche habt ihr die überarbeiteten Seiten. Und dann muss das gehen. Und es ging.
Das ist das ganze Geheimnis. Ich funktioniere nur mit Deadlines. In der Werbung und im TV-Bereich geht es nicht anders. Kampagnen sind durchgetaktet, Sendetermine stehen fest. Schlaflose Nächte, durchgearbeitete Wochenenden, Kinder, die einen siezen, weil man solange nicht zu Hause war.

Hätte nie gedacht, dass ich von der Erfahrung je profitieren würde.

Wie läuft’s? September 2019

So, ein kleines Update zum Fortschritt meines Romanprojekts. Ich habe heute Teil 2 beendet. Inzwischen bin ich bei ca. 300 Normseiten – und das ist nicht mal die Hälfte. Will ich wirklich einen 700- oder 800-Seiten-Wälzer schreiben? Nein, vor solchen Büchern schrecke ich als Leser selber zurück. Der Plan war schon immer, erstmal mehr als nötig zu schreiben, um dann im zweiten Schritt alles auf ein kompaktes Werk einzudampfen. Freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit einem Lektorat und den professionellen Blick von außen. Nach einigen Jahren in der Werbebranche bin ich es zum Glück gewohnt, auf „Kundenwünsche“ einzugehen. Und in meinem Falle wäre das dann der Verlag, der mein Buch herausbringen möchte.

Soeben habe ich beide Teile an meine Agentur geschickt, außerdem an meinen Freund und Lektor Matthias. Deren Feedback setze ich noch bis zur Buchmesse um, denn dahin nimmt Elisabeth Ruge meine Leseprobe mit und bietet sie verschiedenen Verlagen an.

Als ich anfing, den Anfang meines Romans an die ersten Testleser rauszugeben war ich natürlich sehr gespannt auf ihr Feedback. Es war zum Glück gutes Feedback – doch auf das Feedback von Freunden sollte man nicht all zu viel geben, es sei denn sie sind vom Fach. Viel aufregender war es, als die ersten Rückmeldungen der Literatur-Vollprofis kamen, mit denen ich jetzt zusammenarbeiten darf. Erleichternderweise war es noch besser, als das meiner Freunde. Was für meine Freunde spricht.
Trotzdem sitze ich jetzt wieder auf heißen Kohlen. Habe ich diesmal zu viel gewagt? Ist es vielleicht doch zu dreckig und brutal? Oder ist genau das meine Stärke?

Beim Musik machen und Songtexte schreiben weiß ich längst, was ich kann und was ich will. Da fühle ich mich nach ein paar Jahrzehnten sicher. Beim Schreiben ist alles noch relativ neu, auch wenn ich jetzt schon ein paar Jahre an diesem Roman arbeite. Als ich anfing, mich mit Meta-Literatur zu beschäftigen war ich völlig überwältigt: Worauf man achten muss, was es zu bedenken gibt, wie hart man jede Szene planen muss, wenn man will, dass es sich gut liest und wie oft man alles immer wieder überarbeiten muss. Ich kann mich noch genau an diesen einen Moment erinnern, als ich dachte: Will ich das wirklich alles noch lernen? Kann ich das überhaupt?

Jetzt bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Ich schreibe ein Buch. Es wird dick, und lustig, und traurig. Es geht voran. Und will man meiner Agentur glauben, weiß ich schon in wenigen Wochen, wer es veröffentlichen wird.

Ach die Welt hat nur Verachtung

Vor über zwanzig Jahren (1995) habe ich mich mit meinem Freund, dem großen Nikolaus eine Woche lang im Ferienhaus meiner Oma eingeschlossen, um Musik aufzunehmen. Dabei vertonten wir auch das erste Mal einen fremden Text. Ein wahllos aus dem Bücherregal gegriffener und nach dem Zufallsprinzip aufgeschlagener Band von Brecht war der Ursprung. Ich hatte damals keine Ahnung von und keine Meinung zu Brecht, ich weiß noch, wie mich die sexuelle Komponente des Textes überraschte.
Dank unserer Vertonung kann ich nun also einen fragwürdigen Teil aus Berthold Brechts Werk für immer auswendig. Diese Lieblingszeile finde ich immer noch fast ein Tattoo wert. Vor kurzem habe ich ein altes Foto entdeckt, das ich gemacht habe, als ich in einem alten Skizzenheft dieses Skribble entdeckt habe. Die Erinnerung an eine Erinnerung an eine Erinnerung.

Die Phasen des konzentrierten sich-fallen-lassen-Könnens in kreative Prozesse sind der größte Luxus, die das Leben mit Anfang zwanzig zu bieten hat. Erst der Alltag eines Freiberuflers mit Familie macht einem deutlich, wie verschwenderisch man damals mit seiner Zeit umgegangen ist. Hätte ich doch damals nur die Effizienz gehabt, zu der einen das Leben als Erwachsener zwangsläufig erzieht. Ich frage mich immer: Warum soll man eigentlich nicht bereuen? Ich bereue, in jungen Jahren nicht zielstrebig genug gewesen zu sein, auch wenn all der sinnlose Output am Ende wichtig war und mich zu dem gemacht hat, der hier nun sitzt und diese Zeilen schreibt und hochzufrieden mit seinem Leben ist.

Also ihr jungen Leute, lasst es euch gesagt sein: Genießt das Leben, aber lasst es euch gesagt sein: Später habt ihr keine Zeit mehr. Das Leben mit Kindern ist schön, wirklich, aber es ändert alles. Grundsätzlich. Für immer.