Duft

 

Eine Frau steigt zu mir ins leere Zugabteil. Verspeist eine Banane. Beginnt dann ihre Nägel – glücklicherweise nur die der Finger – zu lackieren. Erstaunlicherweise trägt die stark geschminkte Mitreisende weder „Poison“ noch „Opium“ – für meine Nase die beiden abstoßendsten Parfums, die je ein Duftatelier verlassen haben.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich eine Nase habe? Natürlich klingelt jetzt noch ihr Marimbaphone in Fliegeralarmlautstärke.
Langsam erreiche ich das Alter, in dem Erste-Klasse-Tickets als sinnvolle Investition erscheinen. Obwohl die an Körperverletzung grenzende Überdosierung von Parfums auch – oder gerade – in der „besseren Gesellschaft“ gepflegt wird. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: wenn meine Riechzellen in einem Bahnabteil von Banane/Döner/hart gekochtem Ei attackiert werden, oder wenn ich einen der Düfte ertragen muss, die als „sinnlich“ oder „orientalisch“ vermarktet werden und mit denen sich Trägerinnen ohne Gefühl für die richtige Anzahl von Sprühstößen die nicht vorhandene Aura lackieren.
Das unsachgemäße Auflegen von Aromastoffen ist selbstverständlich kein rein weibliches Phänomen. Deshalb, liebe Menschen aller 60 Geschlechter der Erde, hier die weltweit gültige Mengenregel für die Anwendung von Duftprodukten nach S. Stuertz.

Zunächst muss gesagt werden, dass es keine universellen Regeln geben kann, da sich beispielsweise schwere, orientalische Düfte viel stärker durchsetzen und länger halten als frische, leichte Parfums, unabhängig von der Konzentration des Duftstoffes. Doch vielen ist gar nicht bewusst, was der Unterschied zwischen einem Eau de Parfum, einem Eau de Cologne oder einem Eau de Toilette ist. Es handelt sich in der Regel nur um unterschiedlich hohe Konzentrationen des Duftöls, innerhalb einer Linie wird die Rezeptur nur selten leicht variiert.

Vielleicht sollte ich noch etwas anmerken: Charlie Berg, der Protagonist meines Romans „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ (Arbeitstitel) hat die feine Nase eines Hundes und kreiert u.a. Parfums. Was dazu geführt hat, dass ich mich für die Recherche mit Parfumkultur und -geschichte, Duftbeschreibungen und der Herstellung von Düften beschäftigt habe.

Extrait Parfum
Mit einem Duftölanteil von mindestens 15 und bis zu 40 Prozent („Intense“) lassen sich Extraits durchaus als Biowaffe einsetzen. Hier ist höchste Vorsicht geboten! Einen Sprühstoß in die Luft stäuben und dann durch die Wolke hindurchschreiten ist vollkommen ausreichend. Ein Tropfen aufs Handgelenk oder an den Hals tut es auch. Manche kaufen sich ein Extrait, haben bisher nur Eau de Toilettes benutzt und überdosieren aus alter Gewohnheit. Die Adaption der eigenen Riechzellen blendet die Duftwolke aus, für jeden anderen ist sie aus einigen Metern Entfernung zu vernehmen. Adaption ist ein Vorgang aus der Zeit, als das Überleben durchaus vom Geruchssinn abhängen konnte, bei dem der eigene Geruch ausgeblendet wird um Feinde rechtzeitig wittern zu können. Heute sorgt diese Funktion des Riechorgans leider nur noch dafür, dass wir unseren eigenen Mundgeruch oder Schweiß so gut wie gar nicht selber wahrnehmen können. Und auch keine Überdosis Duft an uns selbst.
Idealerweise sollte man Extraits mindestens eine Stunde bevor man das Haus verlässt auftragen. Noch besser ist es meiner Meinung nach am Abend zuvor, Extraits halten sehr lange. Irgendwann ist nur noch die Basisnote vorhanden, jedoch aufs vortrefflichste mit dem Eigengeruch des Trägers oder der Trägerin vermischt, was das Ganze ja erst zu einem Erlebnis für Mitmenschen macht. Sofern der Eigengeruch eine gewisse Qualität hat.

Eau de Parfum
Mit 10 – 15 Prozent Duftölanteil immer noch eine Herausforderung für feine Nasen. Ein Stoß direkt an den Hals ist in den meisten Fällen ausreichend und der Abglanz zum Teil noch nach bis zu zwei Tagen (wenn nicht geduscht oder übermäßig geschwitzt wurde) zu erschnuppern.

Eau de Toilette
Zwei Sprühstöße an Hals und Brustkorb, evtl. zusätzlich an ein Handgelenk und dieses an das andere reiben. Hat mehr als 5 und weniger als 10 Prozent Duftölanteil. Im Extemfall entsprechen also acht Sprühstöße Eau de Toilette einem Stoß Extrait de Parfum Intense. Oder andersherum: Wer vier mal auf den Zerstäuber des Extrait drückt, kann auch 32 mal das Eau de Toilette benutzen – völliger Overkill.

Eau de Cologne
Nur 3 – 5 Prozent Duftanteil. Hier darf es gerne ein Sprühstoß mehr sein. Eau de Cologne verfliegt relativ schnell und sorgt für eine angenehm unaufdringliche Beduftung.

Splash (auch Splash Cologne)
Die leichteste der Dosierungen. Wem das Eindieseln als Vorgang Freude bereitet, der oder die sollte zum Splash greifen. Hier darf nach Herzenslust von oben bis unten der ganze Körper eingesprüht werden. Bei einem Duftstoffanteil zwischen einem und drei Prozent ist eine Überdosierung nahezu ausgeschlossen, die Haltbarkeit ist gering, manchmal ist der Duft schon nach wenigen Stunden verflogen.

 

Hast du jemanden im Freundeskreis oder Kollegium, der oder die zuviel Parfum benutzt? Paföng de la möng? Wer kennt das nicht. Sprich es an, unter vier Augen, ohne Vorwurf, oder: schick ihm/ihr diesen Artikel. Die Person wird es dir danken.

 

 

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