Wie läuft’s? März 2019

Seit ich öffentlich darüber schreibe, dass ich schreibe, erreichen mich hin und wieder Nachrichten von alten Bekannten, Kollegen und Verwandten. Ich bekomme entzückende Mails von Menschen, die ich seit Jahren nicht gesprochen habe, alle freuen sich für mich und auf mein Buch. Einen Roman zu schreiben scheint nicht nur für mich eine Art heiliger Akt zu sein.

Andreas, ein alter Bekannter, ist so begeistert von meinem märchenhaft anmutenden Einstieg ins Literaturgeschäft, dass er anruft, um mir mitzuteilen, wie sehr ihn das freut. Er fragt mich, ob ich noch einen Parfumeur für die Recherche suche, er habe gelesen, dass es in meinem Roman um Düfte geht. Sein Nachbar sei zufällig in der Branche tätig. Er heißt Christian Plesch, arbeitet als Senior Perfumeur bei einem großen, weltweit agierenden Duftkonzern und ist „auch verrückt“, was wohl bedeutet, dass ich es auch bin. Aus seinem Mund klingt das allerdings wie ein Kompliment.
Besonders spannend an Christian ist, dass er nebenher noch eigene Düfte entwickelt: NASENGOLD und WACKELWASSER. Die Beschreibungen der Düfte auf seiner Website klingen fantastisch, außerdem lese ich: Bei der Entwicklung seiner Duftideen inspirieren ihn besonders Punkrock, Coffein, Kurven, Impulsivität und die Malerei. Wir telefonieren kurz, es stellt sich heraus, dass Christian auch noch literaturbegeistert ist. Da passt alles. Wir verabreden uns für ein Interview und treffen uns zwei Wochen später in einer Bar.

Foto: Tara Wolff

S: Christian, wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

C: Ich wollte unbedingt etwas Kreatives machen, hatte auch mit Malerei geliebäugelt, mich dann aber für den Beruf des Parfumeurs entschieden. In Deutschland gibt es dafür allerdings so gut wie keine Ausbildungsplätze im Sinne der IHK (Industrie- und Handelskammer). Also habe ich erstmal Chemielaborant bei Haarmann & Reimer (heute Symrise) in Holzminden gelernt, einem damaligen Weltkonzern für Düfte und Riechstoffe. Neben der Ausbildung habe ich dann begonnen, im Labor zu experimentieren. Nach Feierabend blieb ich länger im Betrieb und mischte wild Riechstoffe durcheinander, bis ich meine erste vorzeigbare Kreation hatte. Ich rannte zum Chef, er fand es nicht schlecht, fragte nach der Formel. Die gab es natürlich nicht, damals wusste ich noch nichts über die Dokumentation von Formeln und wie man eigentlich an Düften arbeitet. Ich war schier zu begeistert, um strukturiert vorzugehen.

S: Aber du wolltest es unbedingt lernen. Hast du dann noch eine Zusatzausbildung gemacht?

C: Ja, ich habe meinen Chef so hartnäckig genervt, bis ich im gleichen Konzern einen der wenigen und begehrten Ausbildungsplätze zum Parfumeur bekommen habe. Nur alle fünf Jahre wurden dort eine handvoll Nasen ausgebildet. Und bei Symrise war unter der Federführung von Egon Ölkers in jedem Jahrgang ein Freigeist, ein unkonventioneller Kreativer vorgesehen. Diese Rolle war anscheinend mir zugedacht.

S: Was hast du anschließend gemacht?

C: Nach der Ausbildung ging ich für H&R nach Paris. Bei einem Pitch für Armani scheiterte ich nur knapp. Die Formel habe ich aufgehoben, irgendwann sollte sie noch mal zum Einsatz kommen – bisher hat nur meine Frau dieses Parfum getragen.
Dann kam das Angebot meines jetzigen Arbeitgebers: Ich sollte für den Konzern in Hamburg Düfte entwickeln. Dort bin ich inzwischen Senior Perfumer und für die Entwicklung von Düften aller Art zuständig: Vom Fine Fragrance für bekannte Modehäuser über Düfte für Handcremes und Duschgels oder auch Parfum für Reiniger bis hin zum Wollwaschmittel-Duft ist alles dabei.

S: Wie muss man sich das vorstellen, hantierst du mit Fläschchen und Pipetten, arbeitet du mit weißem Kittel im Labor?

C: Nein, meine Arbeit findet überwiegend im Kopf und am Computer im eigenen Büro statt. Ich habe eine große Sammlung an Duft-Akkorden in meiner Datenbank. Wenn ein Waschmittel einen neuen Duft braucht, kann man das Rad nicht neu erfinden, es gibt gewisse Standards, die gelernt sind und zumindest in der kommerziellen Parfümerie unbedingt beherzigt werden sollten: In Düften von Reinigern und Seifen finden sich oft Aldehyde, das nehmen Menschen als sauber wahr. Oder Meister Proper, der riecht z.B. im Grundakkord nach Fichte, der je nach Variante oder Farbe variiert – auch das verbinden wir mit Reinlichkeit. Handcremes sollten immer pflegend riechen, das heißt, man sollte die floralen, gerne weißblütigen Akkorde mit pudrigen, anisigen oder süßen Riechstoffen ins Pflegende hineinziehen. Ich greife also zunächst auf funktionierende Akkorde zu, die ich dann abändere oder neu kombiniere.

S: Und wie gehst du bei deinen eigenen Düften vor?
#S (sprich: „Raute-S“) klingt nicht gerade nach Standardformeln:

#S – DER ERSTE DUFTSTOFF DES JUNGEN HAMBURGER LABELS NASENGOLD – STRAHLT DIE ESSENZ DES TRIPS AUS. Das Liquid ist gebraut um eine Weinhefenote, die mit rosa Pfeffer und Ingwer angefeuert wird – dreht sich um eine rosengeschmückte Tafel mit Grapefruit, Bier sowie Kardamom – und findet seinen glimmenden Nachhall in sinnlichem Moschus und Amberanklängen: Chill-Out.

S: Das klingt eher wie die Beschreibung eines Drogenrauschs.

C: Auf dem kommerziellen Parfummarkt wird leider unheimlich viel Konventionelles immer wieder kopiert und nachgebaut. Wenn es einen Hit gibt, versuchen alle anderen etwas Ähnliches auf den Markt zu bringen. Ich wollte genau das Gegenteil von Allem, was kommerzielle Düfte auszeichnet. Und das vom Duft bis zum Look der Verpackung: abgefahrene Düfte, die ungewohnt riechen, modern sind, vielleicht auch irritieren, den Rausch als Duft zelebrieren – das klingt ja auch im Namen an. Der Erfolg von „#S“ (sexy, spritzig)  gab mir Recht. Auch „:P“ (Pfeffer) und „G.“ (Grapefruit) liefen gut. Lediglich mit „/L“ (Luxus, Laster, Lenzen) habe ich mich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Ein Duft, der nach Wildleder, rauchigem Jasmin und Benzin riecht – den Geruch von Benzin habe ich als Kind geliebt – hat leider meine Erwartungen bezüglich des Erfolges am Markt nicht so ganz erfüllt. Shit happens.

Foto: Tara Wolff

Nach einem weiteren Rosé für den Parfumeur und einem weiteren Rumcocktail für den Autoren sprechen wir über mein Projekt. Ich hatte ihm vorab Auszüge meines Romans geschickt, und zwar die Passagen, in denen mein Protagonist Düfte beschreibt – vor allem eine seiner eigenen Duftkreationen: Seeweh. Es ist der Geruch eines Tags am Strand, der am Abend noch auf der Haut liegt. Eine Kombination aus Sonnenmilch, Salz, Sand, Algen und einer Spur Fisch und Diesel. Christian gefallen meine Duftbeschreibungen, er bringt Muschelschale statt Fisch ins Gespräch, mitsamt verwesendem Muschelfleisch, was ich direkt nach unserem Treffen in meinen Text einfließen lasse:

Jetzt kam sie sogar richtig nahe, ein paar Zentimeter neben meinem Gesicht machte sie Halt und schloss die Augen. Der Geruch von Asche hing in ihrem Haar, Alkohol vom vorigen Tag dampfte aus ihren Poren. Sie wich wieder zurück, ihre Zungenspitze kam ganz kurz einen Millimeter zum Vorschein.

„Ist das von dir?“ Sie sog noch mal Luft ein, zwei Mal kurz, ein Mal lang. „Charlie, das ist gut.“ 

„Ist noch nicht ganz fertig“, antwortete ich.

„Algen, Salz, Sand, ein bißchen Sonnenmilch … und sind das … Muscheln? Warst du am Meer? Es riecht nach Fernweh. Wie Sehnsucht nach der See. Seeweh. Originell. Wie hast du es genannt?“

„Es hat noch keinen Namen.“

Als ich ihm erzähle, dass ich den Rezensionsexemplaren des Buches am liebsten eine Duftprobe des Parfums aus dem Buch beilegen würde, ist er sofort begeistert. Er hat vor einiger Zeit einen Akkord namens Seabreeze entwickelt, von dem er immer noch nicht so genau weiß, was er damit anfangen soll. Diese eher streng riechende Basis mit klassischem Sonnenmilchduft zu kombinieren hält er für eine richtig gute Idee. So gut, dass er so schnell wie möglich ein paar Varianten im Labor in Auftrag geben will. Und wenn es mir gefällt kann er mir ein Kilo herstellen lassen. Ich müsste das dann nur selber per Hand in kleine Phiolen füllen, so hat er das zu Beginn bei Nasengold auch gemacht, für die Duftproben, die man verschickt und verschenkt. Er will nachsehen, ob er vielleicht noch welche auf dem Dachboden hat. Was ist hier los? Unfassbarer Typ!

Auf dem Heimweg bin ich ganz berauscht. Das Parfum aus meinem Buch soll Wirklichkeit werden? Noch im Bus texte ich meinem Lektor. Er antwortet trocken: „Nicht schlecht. Das hatte nicht mal Süskind.“

Zwei Wochen später meldet sich Christian per SMS: „Oh, da stehen drei Schweinereien im Labor hab ich gesehen … da bin ich mal gespannt! Müssen uns zum Evaluieren verabreden …“
Er hat drei Chargen anmischen lassen, die sich nur im Verhältnis der Sea Base und dem auf Fine Fragrance getrimmten Sonnenmilchduft unterscheiden. Wir verabreden uns für den nächsten Samstag Abend. Netterweise bringt er ein WACKELWASSER light für meine Frau mit, die unser Zusammentreffen fotografisch festhält: Es riecht spritzig, zitrisch, kribbelig, nach Champagner und steht Tara außerordentlich gut.

Ich muss es mir noch mal klar machen: Ich kenne einen Parfumeur, der ein Parfum aus meinem Buch zum Leben erwecken will und mir jetzt ein paar kleine Sprühflaschen und einen Plastikbeutel voller Riechstreifen auf den Tisch stellt. Danke Andreas, mein Leben hat einen interessanten Twist bekommen.

Die Profi-Riechstreifen kenne ich schon aus Christians Büro und den Laboren seines Konzerns, die ich in der Woche zuvor besichtigt habe, aber auch aus diversen Dokus über Parfumherstellung. Diese geruchlosen Papierstreifen sind anders geformt als die simplen Pappstreifen, die man von Douglas & Flughafenparfümerien kennt, laufen spitz zu und haben eine Falz in der Mitte, so dass sie sich der Länge nach leichter knicken lassen. Damit wedelt der Profi sich den Duft zu.

Christian schraubt bei allen drei Flaschen den Sprühkopf ab und tunkt je drei Streifen mit der Spitze in die Düfte. Die Streifen werden beschriftet: Charge E, F und G. Tara, er und ich nehmen jeder ein Set und schnuppern die drei Varianten, fächern uns den Duft zu. Es ist unfassbar. Tatsächlich Alge und Salz, die Sonnenmilch hat er mit einem ganz zarten Hauch Kokos abgerundet, ich bin am Meer, das sich immer wieder hervorschält. Kann das denn sein?

Noch besser, wie meist, kommt der Duft später auf der Haut zur Geltung. In den folgenden Tagen teste ich die verschiedenen Chargen, schnuppere immer wieder an meinem Handgelenk und versuche das Gefühl zu ergründen, das der Geruch in mir auslöst. Irgendwann wird mir klar: Ich habe Seeweh.


SEEWEH
Kopfnote: Lemon, Petigrain Citronnier, Seabreeze, ozonic notes, Oyster
Herznote: Neroli, Tuberose, Kokosnuss
Basisnote: Alge Absolue, Eichenmoos, Sandel, Benzoin, Vetiver

NASENGOLD
#S (Raute-S)
Kopfnote: Weinhefe, Bergamotte, Kardamom, Ingwer, Davana, Grapefruit, rosa Pfeffer, Zitrone
Herznote: Rose, Tuberose, Maiglöckchen, malzige Noten, Wein
Basisnote: Vetiver, Iso E, Moschus, Weihrauch, Eichenmoos, ledrige Noten

G. (G-Punkt)
Kopfnote: Grapefruit, Schwefelnoten, rosa Pfeffer, Ingwer, Limette
Herznote: Sambac, Rose, Orangenblüte
Basisnote: Zedernholz, ledrige Noten, Vetiver, Patchouli, Kakao

WACKELWASSER
dark
Kopfnote
: Kardamom, Ingwer, Bergamotte, Zitrone
Herznote: Jasmin, schwarze Orchidee
Basisnote: Malz, Karamell, Zedernholz, dunkler Moschus

light
Kopfnote
: Orange Fizz, Ingwer, Pfeffer, Mandarine, Zitronenmelisse
Herznote: Weinhefe, Sambac, Neroli, Rose, wässrige Noten
Basisnote: Malzbier, Zedernholz, Moschus, ambrierte Noten

Übersicht über Christian Pleschs Parfums, eigene und Auftragsarbeiten (auf parfumo.de)