„Zustände wie in einem Bürgerkrieg“

Ich habe sehr lange an meinem Debüt geschrieben: „Das eiserne Herz des Charlie Berg“. Es ist zum Lockdown Mitte März erschienen und hat entsprechend wenig Aufmerksamkeit erhalten. Die Nominierung für den Klaus-Michael-Kühne-Preis war ein Lichtblick nach einer Veröffentlichung in der Krise, ohne Premiere, Buchmesse und ohne Lesereise.
Die andere Autorin, mit der ich für den gemeinsamen Abend im sogenannten Debütantensalon zusammengewürfelt wurde, war mir kein Begriff: Lisa Eckhart. Nach kurzer Recherche wurde aber schnell klar, welches Konzept sie verfolgt. Ich fand und finde es immer noch mehr als fragwürdig, in unseren Zeiten solcherlei Witze zu machen. Was Frau Eckhart für Witze macht und was das Problem daran ist, bringt Navid Kermani sehr gut auf den Punkt:

… ich halte Frau Eckharts Versuch ebenfalls für gescheitert, sich ausgerechnet im Gewand und Gestus einer Marlene Dietrich, die vor den Nazis geflohen ist, antisemitische und rassistische Stereotype zu eigen zu machen, um sie zu entlarven. So, wie ich den Auftritt wahrgenommen habe, als ungelenk und ziemlich naiv, bleiben vor allem die Stereotype hängen.

Navid Kermani in der ZEIT am 10.9.2020

Die vielzitierte „Doppelbödigkeit“ im Programm der Österreicherin konnte ich ebenfalls nicht erkennen. Was aber deutlich wurde: Derartig bewusste Provokation sorgt mit ziemlicher Sicherheit für Getöse – und bei einem gemeinsamen Abend würde ich vermutlich nur eine Randfigur darstellen. Es würde sich ausschließlich um Lisa Eckhart drehen. Meine Agentin riet mir deshalb, um einen gesonderten Lesungs-Termin zu bitten, damit ich die Aufmerksamkeit bekomme, die ich verdient habe. Also teilte ich der Festivalleitung meine Bedenken mit, und dass ich ungern mit Frau Eckhart auf der Bühne sitzen würde. Petra Bamberger und Nikolaus Hansen waren sehr kooperativ, sie boten mir an, die Veranstaltung in zwei Einzellesungen aufzutrennen, direkt nacheinander. Im Grunde bestand der Unterschied nur darin, dass wir im Internet getrennt angekündigt wurden und uns die Bühne nicht hätten teilen müssen. Das Angebot nahm ich dankend an. Es fühlte sich weder linksradikal noch nach Weimarer Verhältnissen an.
Was ich befürchtet habe, ist nun, nach Eckharts (auch für mich unnachvollziehbarer) Ausladung, eingetreten: Es gibt Getöse, und die Presse interessiert sich für meine Meinung zu einer ehemaligen Poetry Slammerin aus Österreich, von der ich ein paar sehr unlustige, menschenfeindliche Sekunden im Internet gesehen habe. Ich habe sie weder „zur Unperson erklärt“, noch habe ich verlangt, dass sie ausgeladen wird – ich habe mich lediglich darüber gewundert, dass sie eingeladen wurde.
Doch heute musste ich lesen, dass „zwei Schriftsteller für die Ausladung von Frau Eckhart verantwortlich“ sind, und dass ich mit meinem Verhalten „Zustände wie in einem Bürgerkrieg“ riskiere. So Navid Kermani in der Eröffnungsrede des Harbourfront Festivals.

Geht es nicht eine Nummer kleiner, Herr Kermani?

Liebe Grüße an alle, peace,
Euer Sebastian

PS.: FUN FACT: In meinem Debütroman geht es um einen Debütanten-Literaturwettbewerb – eine junge Autorin, die stets in maßgeschneiderten Kostümen auftritt, sorgt mit einem Nazi-Hunde-Roman für einen kleinen Skandal. Ihr Buch verkauft sich daraufhin prächtig.

PPS: Hier noch das Statement des Kollegen Benjamin Quaderer, der auch nicht mit L.E. auf eine Bühne wollte:

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