Bordtagebuch, Sonntag, 21.11.2021

Heute stelle ich mir zum ersten Mal einen Wecker, denn Christian geht von Bord, und ich möchte mich natürlich verabschieden. Bis nach Haren ist es nur eine Stunde, und da wir heute kurz vorm Stahlwerk anlegen um zu übernachten und morgen noch den ganzen Tag  gelöscht wird, kann er für zwei Tage nach Hause. Der Audi wird mit dem Bordkran an Land gesetzt, auch der alte Bordhund Aaron Killer hat kurz Landgang und inspiziert im Rentnertempo das Ufer, dann geht es weiter. Michael übernimmt jetzt das Schiff.

Schiffsführer Pawliczek Jr.

Ich bin ja am Steinhuder Meer in Niedersachsen aufgewachsen. Wenn man mit dem Auto in die nächste Großstadt fuhr, also nach Hannover, konnte man entweder über die Autobahn – oder auch über die wesentlich ruhigere und schönere Kanalstraße fahren, die ein Stück am Mittellandkanal entlangführt. Heute fahre ich das erste mal AUF dem Mittellandkanal. Bei schönstem Herbstwetter zieht die Landschaft vorbei, in all ihrer unspektakulären und vertrauten Schönheit – wir sind kurz vor Niedersachsen.

Blick vom Mittellandkanal in die Landschaft

Wie schön ist eigentlich das gegenseitige Grüßen unter Fremden? Ein kurzes Winken, ein Lächeln, Hallo Mensch – selber Hallo – wir kennen uns nicht, aber ich hoffe es geht Dir gut – Danke, ebenso, tschüss! Ich winke jedem entgegenkommenden Schiff und grüße alle Spaziergänger, die mit ihren Hunden am Ufer stehen und das vorbeiziehende Schiff betrachten. Alle winken begeistert zurück oder kommen mir sogar zuvor. Ob sie mich für einen Matrosen halten? Mit Sicherheit nicht – ich habe keine Arbeitskleidung an, trage außerdem Sonnenbrille und Schwimmweste, daran erkennt man die Landratte an Bord sofort.

Landratte

Ich genieße die frische Luft, das milde Wetter, die Nachmittagssonne und bleibe lange vorne am Bug stehen. In mir arbeitet es, aber es ist die schönste Arbeit, die ich kenne: Ideen und Informationen zu einer Erzählung zu verweben. Hier an Bord gibt es zehn Bände der Reihe „Historisches vom Strom“, in denen ich heute vormittag geblättert habe und die ich mir dringend besorgen muss.

Eine Goldgrube für mich, da meine Familiensaga ja bereits im Krieg beginnt, als das Waisenkind Okko Pohlmann von einem Binnenschiffer adoptiert wird und als Sechzehnjähriger an Bord des Schiffes geht, das er schon bald erben wird …
Während wir den Mittellandkanal entlang gleiten, vorbei an Wohnhäusern, kleinen Yachthäfen, Industriegeländen und Kränen, formt sich die Geschichte in meinem Kopf immer weiter.

Teepause

Zur Teepause, die hier an Bord um 15:00 Uhr ist, gehe ich zurück zu Michael auf die Brücke. Er zieht kurz das T-Shirt aus, damit ich endlich sein Ankertattoo fotografieren kann – es ist noch ganz frisch, gerade erst zwei Wochen alt.

Michaels Ankertattoo

Wir trinken Ostfriesentee und plaudern, über Karneval, Konzerte und Festivals, über Hunde, Wölfe, und dass er heute abend die Friteuse anwerfen wird. Dann gibt es holländische Frikandellen, Rundvlees Kroketten – und Friet Speciaal. Ein Traum.

Frikandellen und Kroketten