„Zustände wie in einem Bürgerkrieg“

Ich habe sehr lange an meinem Debüt geschrieben: „Das eiserne Herz des Charlie Berg“. Es ist zum Lockdown Mitte März erschienen und hat entsprechend wenig Aufmerksamkeit erhalten. Die Nominierung für den Klaus-Michael-Kühne-Preis war ein Lichtblick nach einer Veröffentlichung in der Krise, ohne Premiere, Buchmesse und ohne Lesereise.
Die andere Autorin, mit der ich für den gemeinsamen Abend im sogenannten Debütantensalon zusammengewürfelt wurde, war mir kein Begriff: Lisa Eckhart. Nach kurzer Recherche wurde aber schnell klar, welches Konzept sie verfolgt. Ich fand und finde es immer noch mehr als fragwürdig, in unseren Zeiten solcherlei Witze zu machen. Was Frau Eckhart für Witze macht und was das Problem daran ist, bringt Navid Kermani sehr gut auf den Punkt:

… ich halte Frau Eckharts Versuch ebenfalls für gescheitert, sich ausgerechnet im Gewand und Gestus einer Marlene Dietrich, die vor den Nazis geflohen ist, antisemitische und rassistische Stereotype zu eigen zu machen, um sie zu entlarven. So, wie ich den Auftritt wahrgenommen habe, als ungelenk und ziemlich naiv, bleiben vor allem die Stereotype hängen.

Navid Kermani in der ZEIT am 10.9.2020

Die vielzitierte „Doppelbödigkeit“ im Programm der Österreicherin konnte ich ebenfalls nicht erkennen. Was aber deutlich wurde: Derartig bewusste Provokation sorgt mit ziemlicher Sicherheit für Getöse – und bei einem gemeinsamen Abend würde ich vermutlich nur eine Randfigur darstellen. Es würde sich ausschließlich um Lisa Eckhart drehen. Meine Agentin riet mir deshalb, um einen gesonderten Lesungs-Termin zu bitten, damit ich die Aufmerksamkeit bekomme, die ich verdient habe. Also teilte ich der Festivalleitung meine Bedenken mit, und dass ich ungern mit Frau Eckhart auf der Bühne sitzen würde. Petra Bamberger und Nikolaus Hansen waren sehr kooperativ, sie boten mir an, die Veranstaltung in zwei Einzellesungen aufzutrennen, direkt nacheinander. Im Grunde bestand der Unterschied nur darin, dass wir im Internet getrennt angekündigt wurden und uns die Bühne nicht hätten teilen müssen. Das Angebot nahm ich dankend an. Es fühlte sich weder linksradikal noch nach Weimarer Verhältnissen an.
Was ich befürchtet habe, ist nun, nach Eckharts (auch für mich unnachvollziehbarer) Ausladung, eingetreten: Es gibt Getöse, und die Presse interessiert sich für meine Meinung zu einer ehemaligen Poetry Slammerin aus Österreich, von der ich ein paar sehr unlustige, menschenfeindliche Sekunden im Internet gesehen habe. Ich habe sie weder „zur Unperson erklärt“, noch habe ich verlangt, dass sie ausgeladen wird – ich habe mich lediglich darüber gewundert, dass sie eingeladen wurde.
Doch heute musste ich lesen, dass „zwei Schriftsteller für die Ausladung von Frau Eckhart verantwortlich“ sind, und dass ich mit meinem Verhalten „Zustände wie in einem Bürgerkrieg“ riskiere. So Navid Kermani in der Eröffnungsrede des Harbourfront Festivals.

Geht es nicht eine Nummer kleiner, Herr Kermani?

Liebe Grüße an alle, peace,
Euer Sebastian

PS.: FUN FACT: In meinem Debütroman geht es um einen Debütanten-Literaturwettbewerb – eine junge Autorin, die stets in maßgeschneiderten Kostümen auftritt, sorgt mit einem Nazi-Hunde-Roman für einen kleinen Skandal. Ihr Buch verkauft sich daraufhin prächtig.

PPS: Hier noch das Statement des Kollegen Benjamin Quaderer, der auch nicht mit L.E. auf eine Bühne wollte:

Stimmen zum Buch

„Manche Bücher hauen einen um und sind so ungewöhnlich, dass sie einem erst mal nicht aus dem Kopf gehen. ‚Das eiserne Herz des Charlie Berg‘ ist so eins. Dem 46-jährigen Wahlhamburger ist so was wie ein Meisterwerk gelungen.“

Annette Matz, NDR Kultur

Inzwischen haben so viele tolle Menschen so unfassbar schöne Dinge über meinen Debütroman gesagt, dass es sich lohnt, eine eigene Seite dafür einzurichten.

Quality Content in Times of Corona

Wir Künstler sind alle in der gleichen Situation: Auch ohne Corona schon immer diejenigen, die nach Aufmerksamkeit gieren, sei es auf der Theater- & Konzertbühne oder auf Lesereisen. Und jetzt betteln sogar die, die sonst eher onlinefaul sind im Internet darum, im Mittelpunkt zu stehen, ich selbstverständlich auch – aber ich bin sowas von müde.

Alle möglichen gebeutelten Kulturschaffenden posten, talken, streamen irgendwas irgendwohin, ganze ehrlich: unterhaltsam ist leider die Ausnahme. Lesungen finde ich schon im echten Leben oft zu lang und zu öde – ich gehe eigentlich nur wegen des Talkteils zu solchen Veranstaltungen bzw. um Menschen zu treffen oder kennenzulernen. Jetzt finden sie schlecht ausgeleuchtet und mies klingend statt, ich habe bisher nur ein paar Minuten in eine reingeguckt, von Menschen, die ich interessant und sympathisch finde, deren Bücher ich auch gut finde oder zumindest für lesenswert halte, habe es aber rein klangtechnisch und ästhetisch wirklich nicht lange ertragen. Will ich da also mitmachen, ein Debütant, den quasi niemand kennt, dessen Erstling eines der vielen Opfer der Corona-Krise ist (mimimi!) und der jetzt jede Aufmerksamkeit braucht? Ich könnte heulen, na klar, es ist fürchterlich, ich habe viele Jahre an diesem bekloppten Buch gefeilt, einen tollen Verlag gefunden, und jetzt: PUFF. Muss ich da also mitmachen, um nicht komplett übersehen und vergessen zu werden? Ja, leider, und na klar, macht doch auch Spaß irgendwie, aber nein, nervt doch total: „Hallo, ich habe ein Buch geschrieben, hier bin ich, hier hier hier!“ Es fühlt sich schmutzig an – schon vor der Krise musste ich mich aufs Übelste beschimpfen lassen für meine Eigenwerbung auf Facebook und Instagram, war auch zeitweise extrem angekotzt von der Notwendigkeit, mitmachen zu müssen und nachträglich entsetzt von den kleinen Dopaminschüben, die ein paar Likes auslösen können, WOW, MEIN ERSTER POST MIT ÜBER XXX LIKES, GEIL, ICH HABE ENDLICH XXX FOLLOWER, kurzer Rausch, und schon bald danach wünschte (und wünsche) ich mir nichts sehnlicher, als eeeendlich einen Bekanntheitsgrad zu haben, der es erlaubt, sämtliche Social-Media-Aktivitäten einfach einzustellen oder, noch besser, von ANGESTELLTEN erledigen zu lassen. Das frisst nämlich Zeit, das ganze Geposte und Kommentiere, da man ja nicht nur postet und kommentiert sondern auch kuckt was die anderen machen, und so ist das einfach nur eine Mischung aus Sucht und Nebenjob, gehört dazu, muss man mitmachen: Eigen-PR. Leider oftmals ein frustrierender Job, da man sich ständig vergleicht, mit beliebteren, erfolgreicheren, lustigeren, schöneren, jüngeren, hipperen, weiseren Leuten. Und immer wenn man ein banales Bild von einem Kuchen oder einer Katze sieht, fällt einem auf, oh Scheiße, ich zeige den Leuten ständig Bilder von meinem UNFASSBAR NIEDLICHEN HUND und mache Bilder von meinen IMMER GLEICHEN WALDSPAZIERGÄNGEN – WER WILL DAS SEHEN??? Und wenn ich dann die witzigen Tweets von Till Raether, Ilona Hartmann, Jan Skudlarek oder Peter Wittkamp lese, oder die klugen, informativen Insta-Posts von Johanna Adorjan oder Insta-Stories von Sophie Passmann, dann denke ich: Wer bin ich eigentlich, dass ich meine, hier mitmachen zu dürfen? Es ist ein Kreuz, ich hasse es, ich will nicht mehr, und jetzt, wo es wichtiger denn je ist, mit QUALITY CONTENT aus der Masse herauszustechen, merke ich, wie social-media-müde ich bin. Die lieben Kolleg:innen Melanie Raabe, Leona Stahlmann und Frank Berzbach legen eine Social-Media-Pause ein, ICH WILL AUCH! Meine Insta-Bubble ist ein endloser Stream aus Buchtipps und digital-Lesungen, dabei ist mein SUB (aka Stapel ungelesener Bücher) inzwischen so groß, dass ich ein extra Regal dafür brauche.

Wie oft war ich schon an dem Punkt, an dem ich dachte: Mein Leben wäre so viel besser ohne Smartphone und Social Media, ohne dieses sich-Produzieren und Vorzeigen und eitler Zurschaustellung von Erfolgen und Glücksmomenten.

Wer will einen Debütautoren über die Notwendigkeit klagen hören, sich selbst vermarkten zu müssen, wenn er im Gespräch bleiben möchte? Angeblich will Melanie Raabe es hören bzw. lesen. Bitte sehr, Melanie, here comes my Gejammer! 

Ich kann nicht aufhören. Corona, dieser Arsch, hat mir mein Debüt derart versaut, und ich habe mein Buch noch nicht aufgegeben. Ich will noch weiter den Kontakt zu Leser:innen von denen mich einige ohne Social Media gar nicht kennen würden, und Kontakt zu den lieben Kolleg:innen pflegen, von denen ich einige ohne Social Media auch nicht kennen würde, ich will Lesungstermine bekanntgeben (es gibt wieder ECHTE LESUNGEN!), will mich mit tollen Rezensionen meines Buches aus dem Insta-Kosmos selbst beweihräuchern und will sehen, wie die großartige Celeste Barber an einer Pole Dancing Stange hängt wie ein nasser Sack. Und freue mich auf die Social-Media-Pause, die hoffentlich irgendwann kommt …

NDR Buch des Monats

Ich freue mich sehr:
Mein Debütroman ist BUCH DES MONATS beim NDR im April.
Es gibt einen tollen Beitrag von Natascha Geier im Kulturjournal.

Moderatorin Julia Westlake:

„Das eiserne Herz des Charlie Berg ist ein rasanter, unglaublich fantasievoll geschriebener Roman mit vielen Volten und klugen Seitensträngen, die sich irgendwann alle verdichten und zu einem großen Ganzen fügen. Es liest sich wie ein Krimi, hat man einmal angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Spannend, tief, toll.“

Wow.

Mein Buch ist da. Jippi.

Ja, da kann man sich in diesen Tagen leider nicht richtig drüber freuen. Keine Buchmesse, keine Premierenfeiern, kein Konzert mit der Band, keine Lesereise. Sogar bereits geplante Radiointerviews und TV-Beiträge werden gecancelt. Es ist der denkbar beschissenste Zeitpunkt, um ein Buch zu veröffentlichen.

Das war 2019 – Teil 1: Einen Podcast machen

Rückblick auf ein ereignisreiches Jahr. Heute: Die Alphabeten – unser Podcast ÜBERS SCHREIBEN

Mein Freund Gerrit und ich produzieren seit Beginn des Jahres unseren Podcast „ÜBERS SCHREIBEN“. Wir hatten tolle Gäste zu Besuch, überwiegend Gästinnen (sechs) und lediglich ein Quoten-Männchen. Drei weitere Folgen haben aus Gründen nie das Licht der Welt erblickt, diese Gründe sind vielfältig und haben u.a. mit Alkohol vs. Technik, Wirtschaftsgeheimnissen, sowie Dr. Jekyll (Mikro läuft) und Mr. Hyde (Mikro ist aus) zu tun. Ihr braucht also bitte nicht weiter zu fragen und müsst mir einfach glauben dass es sehr, sehr, sehr bizarr war. 

Alle Fotos auf der Seite, bis auf die Selfies: Tara Wolff

So oder so – Gerrit und ich werden weitermachen, denn auch wenn es eine Menge Arbeit ist (niemand schneidet so liebevoll Ähms und Ööhs heraus wie wir), und das für ein ziemliches Nischenprodukt (unsere Zuhörer*innen pro Folge liegen im dreistelligen Bereich) ist es doch immer wieder eine große Freude so tolle Vollprofis (siehe Liste unten) zu Besuch zu haben.

Wir treffen uns im Atelier Royal TS, das ist der Workspace, den meine Frau Tara und ich uns teilen. Da gibt es eine Küche und einen Garten, es ist gemütlich, Tara fotografiert den Besuch und uns, zwischendurch machen wir Pause, nach dem Interview sitzen wir oft weiter zusammen, manchmal noch stundenlang, eigentlich hat man danach immer das Gefühl, man hatte einen guten Freund bzw. in den meisten Fällen eine gute Freundin zu Besuch.

Besonders schön, nie geplant, aber hat sich so ergeben: Es ist ein bisschen auch ein „Pärchenprojekt“ geworden, da nicht nur meine Frau die Fotos macht, sondern Gerrits Partnerin Amrei unseren Folgen mit ihrer Profi-Stimme immer noch den letzten Schliff in Form einer knappen Anmoderation gibt. 

LOS ALPHABETOS – Das Alphabeten Podcast-Team v.l.n.r.: Gerrit, Sebastian, Amrei, Tara

Und hier unsere fabulösen Besucher*innen …

Doch halt, wo denn wie denn eigentlich? Gibt es Leute, denen man das noch erklären muss? Anscheinend. Podcasts hören die meisten mit dem Smartphone, also findet ihr uns natürlich über die Apple Podcast App (ehemals „iTunes“, jetzt „Podcasts“) und bei Spotify. Bei Soundcloud leider nur so halb, da ist mein Upload-Engagement ein wenig eingeschlafen. Hört denn eigentlich irgendjemand Podcasts auf Soundcloud? Wäre mal interessant. Ihr könnt auch einfach direkt auf der Website alle Folgen hören:
www.die-alphabeten.de

Lucy Fricke

Open Mike Finalistin 2005, Erfinderin der HAM.LIT, Preisträgerin des bayrischen Buchpreises 2018 – und Bestsellerautorin. Mit „Töchter“, ihrem vierten Roman, gelang ihr endlich der große Durchbruch. Ein tolles, lustiges, bewegendes Buch, das demnächst groß verfilmt wird. Dafür hat sie auch noch das Drehbuch geschrieben, ich werde mir wohl seit langem mal wieder einen deutschen Film im Kino ansehen.

Lucy hat keinen Goldzahn, das sieht nur so aus. Dafür hat sie Goldsätze.

Christian Pfaff 

Texter, Galerist, Reisebuchautor. Ein Tausendsassa, der in der Werbung arbeitet und „nebenbei“ seinen Kunstraum betreibt, das OBERFETT. Und ein Buch geschrieben hat, zusammen mit einem Bildhauer, über einen dreimonatigen Aufenthalt in der Wildnis Kanadas: „Hast du mal die Kanuschlüssel“. Der Bildhauer verziert einen Fels, Christian kocht und vertreibt die Bären. Irre.

Gruppenselfie – die Folge ist noch im alten mookwe-Büro entstanden.

Dagrun Hintze

Ebenfalls Open Mike Finalistin 2005, Lyrikerin, Theaterautorin und Fußballsachverständige (BVB-Fan), spuckt druckreife Sätze, liest News überwiegend auf Papier und hat weder Smartphone noch irgendein Social Media Account. Ihr Lyrikband „EINVERNEHMLICHER SEX“ hat selbst mich, den Lyrik-Skeptiker überzeugt. Jetzt gerade hat sie schon wieder einen Erzählungsband im Textem Verlag nachgelegt: „WER WAS IN WELCHER NACHT TRÄUMTE – ERZÄHLUNGEN ZU KUNST, DESIGN UND ARCHITEKTUR“.

Wir hatten Wein und Spaß.

Karla Paul

In einer gerechten Welt würde es sie als Sammelfigur geben: Karla.

Deutschlands bekannteste Literaturlobbyistin, als Kind Aushleihkönigin der örtlichen Bücherei (den Begriff „Ausleihkönigin“ habe ich mir für meinen Roman mopsen dürfen, jede weitere Ähnlichkeit zu meiner Figur Fritzi ist Zufall), liest bis zu 300 Bücher pro Jahr (Fritzi schafft mehr). Sie betreibt mit Günther Keil eine Literaturshow, außerdem den Podcast „Long Story Short“ für Random House. Irgendwann schreibt sie vielleicht mal einen Krimi, und ein kleiner weißer Hund wird vermutlich eine Rolle darin spielen …

Kein Alkohol bei der Arbeit, Karla ist Vollprofi. Na gut, dann eben Tee.

Karen Köhler

Hier lacht Karen schön nach unten.

Karen wurde für ihren Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“ vor ein paar Jahren in den Himmel gelobt (zu recht, er ist wirklich fantastisch, ich habe ihn erst vor kurzem „entdeckt“) und bekam für ihren Debütroman „MIROLOI“ vom gesammelten Feuilleton nahezu kollektiv ins Maul (zu unrecht, wie ich finde, dieser Roman ist auf ganz andere Art als die Raketen unfassbar bewegend und wichtig). Sie schaffte es damit auf die Longlist des deutschen Buchpreises und in die Endauswahl des Michael-Kühne-Preises. Wir haben uns herrlich betrunken, mannomann, die legendäre zweite Folge hat es wirklich in sich.

Nein, das ist kein Wasser.

Anke Stelling

Hier lacht auch Anke schön nach unten.

Anke veröffentlicht im Verbrecherverlag und hat mit „Schäfchen im Trockenen“ den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 gewonnen, kurz danach noch den Hölderlinpreis für ihr Werk, das inzwischen acht Romane umfasst, auch Kinderbücher. Sie schreibt tatsächlich von nine to five in einem Stübchen ohne Internet und plündert dabei gnadenlos ihr Privatleben, was nicht immer gut ankommt im Freundeskreis. 

Der Podcast mit Garten!

Dana von Suffrin

Von ihr werden wir noch viel hören. Preisregen beim Debüt.

Die Historikerin aus München mit jüdischen Wurzeln und Doktortitel hat mit ihrem Roman OTTO ein großartiges Debüt hingelegt. Ihr gelingt es erstaunlicherweise, Holocaust und lustig in einem Buch zu vereinen. OTTO erzählt die Geschichte von einem durchgeballerten Patriarchen, der pflegebedürftig wird und seine beiden Töchter in den Wahnsinn treibt. Das Buch ist sehr, sehr lustig aber auch ergreifend und kommt ohne großen Plot aus, die eigentliche Geschichte setzt sich aus Anekdoten zusammen, und die werden vom alten Otto durcheinandergewirbelt und offensichtlich falsch erinnert, ein großer Spaß. Sie hat nach dem Michael-Kühne-Preis auch noch den Ernst-Hoferichter-Preis und den Debütpreis des Buddenbrookhauses 2019 erhalten. Und so scheint OTTO ein aussichtsreicher Kandidat für weitere Preise zu sein …

Die Band würde ich mir anhören. Coole Frontfrau jedenfalls.

ÜBERS SCHREIBEN 2020

Und was kommt jetzt? Weiter so? Alle zwei Monate eine Doppelfolge oder doch lieber öfter mal eine kurze knackige und dafür das Sound Design und aufwendige Editieren opfern? Weiter auf die Quote scheißen – oder auch mal ein paar Männer zu Wort kommen lassen? Wie würden uns wahnsinnig freuen, von euch zu hören.
Ahoi! Und jetzt: zwanziger Jahre!

Gerrit hat da was im Ohr. Es könnte Gehirn sein, wir melden uns, wenn wir mehr wissen.

Write what you know

„Write what you know“ – eine der ersten Regeln, die man als Schreiber lernt, gleich nach „Show, don’t tell“.
Und wenn man etwas nicht weiß? Muss man recherchieren. Ich habe mich zwar schon immer für Düfte interessiert, als Teenager mit Hilfe eines Hobbythekbuchs sogar Versuche unternommen, einen eigenen Duft herzustellen, am Flughafen schlage ich die Wartezeit stets in den Parfumläden tot, Mitmenschen mit zu großzügig aufgetragenen Duftwässerchen können mir den Tag versauen. Doch habe ich bei Weitem nicht die Supernase meines Protagonisten Charlie. Um glaubhaft aus seiner Sicht schreiben zu können, muss ich also viel über die Geschichte und die Herstellung von Düften lesen, viele Parfums schnuppern und mich mit Profis aus der Branche treffen. Bei meinem letzten Berlinbesuch kam ich wieder bei Jo Malone vorbei, meine Agentur sitzt nur ein paar Häuser weiter, und dieses Mal musste ich ihn einfach mitnehmen: Den goldenen Koffer!

25 Düfte mit wenigen Inhaltsstoffen, dadurch alle miteinander kombinierbar, dazu die Kärtchen mit den Beschreibungen der Kopf-, Herz- und Basisnoten.

Der perfekte Trainingskoffer. Wenige der Düfte (alle unisex) würde ich selber tragen, dennoch tue ich es, um die Entwicklung, die diese oder jene Note auf der Haut nimmt, nachvollziehen zu können. Zum Teil muss ich auch Düfte erleiden, die sich überraschend entwickeln, aus denen sich nach ansprechender Kopfnote kleine Geruchsmonster hervorschälen, ich leide dann den ganzen Tag wie mein Ich-Erzähler und rieche wie ein Fremder, ‚method writing‘, wenn man so will. Also, meine lieben Freunde aus dem echten Leben: Wenn ich etwas seltsam rieche in nächster Zeit, wisst ihr warum.

Wir machen einen Podcast: Die Alphabeten – Übers Schreiben

Mein Freund Gerrit und ich haben uns im August 2016 getroffen und Bier getrunken. Es ging um Kalauer und Bilderwitze, und um die Frage, ob wir uns dafür nicht endlich mal zusammentun wollen. Zweieinhalb Jahre später: Wir haben als „Die Alphabeten“ gemeinsam über 60 Bilderwitze produziert und einen Podcast gestartet. Übers Schreiben.

Als ich Gerrit kennenlernte, fiel mir gleich auf, dass er in Gesprächen bei jeder Gelegenheit Gesagtes zu Wortspielen verdrehen und zu Gags umformen musste. Mit an Zwanghaftigkeit grenzender Frequenz. Wir saßen mit Manuel Möglich in der Kantine von Spiegel TV, ich war als Vorspann-Grafiker ins Boot geholt worden. Es ging um die Reihe „Deutschland von außen“ für zdf_neo.

Sicher nicht eine meiner spektakulärsten Arbeiten, aber sie markiert für mich den Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit und Freundschaft. Die Serie „Deutschland von außen“ wurde nicht fortgesetzt, zdf_neo hat in der Zwischenzeit eine neue CI bekommen, aber Gerrit und ich, wir sind über dieses Projekt zu den Alphabeten geworden, uns gibt es noch immer und hoffentlich noch eine ganze Weile.

Gerrit hatte damals bereits ein paar auf Wortspielen basierende Bilderwitze konzipiert, im fehlte aber das nötige Know How, um diese ansprechend zu Papier zu bringen. (Ich fand seinen Skribble-Stil eigentlich perfekt, aber er wollte es gerne etwas ausgefeilter.) Also sagte ich: Ich kann zwar nicht zeichnen, aber ich wollte mir schon lange ein iPad Pro zulegen, damit geht das ja quasi von alleine. Gesagt, getan, wie man so schön sagt. Der ursprüngliche Plan war es, ein Jahr lang jede Woche einen Bilderwitz zu veröffentlichen, um dann, mit mindestens 52 Witzen, ein kleines Büchlein machen zu können. Das mit den Witzen haben wir tatsächlich durchgehalten, ein Büchlein gibt es allerdings (noch) nicht.

Ein typischer Alphabeten-Kalauer: Manchmal muss man unsere Witze laut lesen, um sie zu verstehen

Nachdem wir an jenem bierseligen, lauen Sommerabend die Weltherrschaft im Kalauerbereich bereits an uns gerissen hatten, wollten wir mehr. Mehr Bier und mehr Herrschaft. Wir redeten weiter, übers Schreiben, ich erwähnte, dass ich nun endlich ernst machen wolle mit meinem Buch, Gerrit erzählte mir, wie es zu seinen beiden Romanen kam und schließlich beklagten wir die Lücke, die es unserer Meinung nach in der deutschen TV Unterhaltung im Literaturbereich gibt. Literatursendungen beschränken sich in der Regel auf Buchbesprechungen, selten geht es um die Menschen, die sich über Literatur hinaus mit Textarbeit beschäftigen: Gagschreiber*innen, Werbetexter*innen, Drehbuchautor*innen, Rapper*innen, Poetry Slammer*innen – was ist mit denen? Sie alle schreiben. Autorengespräche im TV sind viel zu selten und streifen oft nur, was jeden, der selber schreibt, doch so brennend interessiert: Das Handwerk des Schreibens, die Tools, die Höhen und Tiefen im kreativen Prozess – der Alltag einer Person, die sich täglich und professionell mit dem geschriebenen Wort auseinandersetzt.
Auch bei meiner Suche nach Podcasts zum Thema „Kreatives Schreiben“ wurde ich im deutschsprachigen Raum nicht wirklich fündig. Einige Schreibcoaches, die das Podcasten als Marketingtool ausprobiert und wieder fallen gelassen hatten gab es zwar, doch das war wenig unterhaltsam. Dann waren da noch die unermüdlichen Schreibdilettanten, deren Konsequenz ich bewundere, seit über 350 Folgen reden sie sich ein Mal pro Woche den Mund fusselig. Da es sich bei ihnen aber meist um Thriller- und Krimithemen, Selfpublishing und ihre eigenen Projekte dreht, stellte mich das auch nicht zufrieden.
Es gab da also diese Lücke, sowohl im TV- als auch im Podcastbereich. Das Podcasten erlebte damals gerade den Beginn seiner bis heute andauernden Renaissance. Wir planten selbstverständlich erst einmal die Alphabeten TV-Show. Schräg, lehrreich, mit spannenden Gästen und dabei vor allem unterhaltsam sollte sie sein. Gerrit als langjähriger TV Redakteur und ich, der ich als Motion Designer bereits mit diversen Formatentwicklungen zu tun hatte, waren aber realistisch genug, um zu wissen, dass wir zum warmwerden vielleicht erstmal kleinere Brötchen backen sollten. Und so wurde aus der großen Samstag Abend Show erstmal ein Podcast.

Familie, Job, ein Buch schreiben, Platten & Musikvideos rausbringen, Bilderwitze ausdenken und malen – und jetzt auch noch einen Podcast moderieren und produzieren? Wann machst du das nur alles? Die Frage habe ich bereits in einem früheren Blog Post ausführlich beantwortet. Es dauert eben alles ein bißchen länger. Ob das die klügste Vorgehensweise ist, ich weiß es nicht, aber irgendwie fällt mir bei dieser Art, mit vielen kreativen Projekten gleichzeitig zu jonglieren alle Jubeljahre was Fertiges vor die Füße, und ich wundere mich dann selber, wo es hergekommen ist.

Foto: Tara Wolff

Nach über zwei Jahren Planung, Aufnahme, Schnitt und nach einigen Kämpfen mit technischen Problemen (die wir auch ein ums andere Mal verloren haben) sind wir jetzt also am Start, unser Podcast ÜBERS SCHREIBEN ist da! Die ersten beiden Folgen mit Lucy Fricke sind online, wir haben einige weitere vorproduziert (Lyrikerin und Theaterautorin Dagrun Hintze sowie Werbetexter und Galerist Christian Pfaff vom Oberfett), wir werden die ein oder andere Session leider wiederholen müssen (aus Gründen) und ein paar echte Knüllerinnen in der Pipeline (Vea, Karla, Inger …)
Ich hoffe, uns ist es gelungen, eine kurzweilige Sendung zu kreieren, die Einblick gibt in den Alltag von Menschen, die sich täglich mit dem Handwerk des Schreibens auseinandersetzen und die dabei auch noch unterhaltsam ist. Und Kalauer gibt es auch, schließlich ist Gerrit mit dabei. Über Feedback freuen wir uns sehr, hört doch mal rein.


Ab sofort bei iTunes, Spotify, Soundcloud & Co.

Foto: Tara Wolff
Foto: Tara Wolff

Duft

 

Eine Frau steigt zu mir ins leere Zugabteil. Verspeist eine Banane. Beginnt dann ihre Nägel – glücklicherweise nur die der Finger – zu lackieren. Erstaunlicherweise trägt die stark geschminkte Mitreisende weder „Poison“ noch „Opium“ – für meine Nase die beiden abstoßendsten Parfums, die je ein Duftatelier verlassen haben.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich eine Nase habe? Natürlich klingelt jetzt noch ihr Marimbaphone in Fliegeralarmlautstärke.
Langsam erreiche ich das Alter, in dem Erste-Klasse-Tickets als sinnvolle Investition erscheinen. Obwohl die an Körperverletzung grenzende Überdosierung von Parfums auch – oder gerade – in der „besseren Gesellschaft“ gepflegt wird. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: wenn meine Riechzellen in einem Bahnabteil von Banane/Döner/hart gekochtem Ei attackiert werden, oder wenn ich einen der Düfte ertragen muss, die als „sinnlich“ oder „orientalisch“ vermarktet werden und mit denen sich Trägerinnen ohne Gefühl für die richtige Anzahl von Sprühstößen die nicht vorhandene Aura lackieren.
Das unsachgemäße Auflegen von Aromastoffen ist selbstverständlich kein rein weibliches Phänomen. Deshalb, liebe Menschen aller 60 Geschlechter der Erde, hier die weltweit gültige Mengenregel für die Anwendung von Duftprodukten nach S. Stuertz.

Zunächst muss gesagt werden, dass es keine universellen Regeln geben kann, da sich beispielsweise schwere, orientalische Düfte viel stärker durchsetzen und länger halten als frische, leichte Parfums, unabhängig von der Konzentration des Duftstoffes. Doch vielen ist gar nicht bewusst, was der Unterschied zwischen einem Eau de Parfum, einem Eau de Cologne oder einem Eau de Toilette ist. Es handelt sich in der Regel nur um unterschiedlich hohe Konzentrationen des Duftöls, innerhalb einer Linie wird die Rezeptur nur selten leicht variiert.

Vielleicht sollte ich noch etwas anmerken: Charlie Berg, der Protagonist meines Romans „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ (Arbeitstitel) hat die feine Nase eines Hundes und kreiert u.a. Parfums. Was dazu geführt hat, dass ich mich für die Recherche mit Parfumkultur und -geschichte, Duftbeschreibungen und der Herstellung von Düften beschäftigt habe.

Extrait Parfum
Mit einem Duftölanteil von mindestens 15 und bis zu 40 Prozent („Intense“) lassen sich Extraits durchaus als Biowaffe einsetzen. Hier ist höchste Vorsicht geboten! Einen Sprühstoß in die Luft stäuben und dann durch die Wolke hindurchschreiten ist vollkommen ausreichend. Ein Tropfen aufs Handgelenk oder an den Hals tut es auch. Manche kaufen sich ein Extrait, haben bisher nur Eau de Toilettes benutzt und überdosieren aus alter Gewohnheit. Die Adaption der eigenen Riechzellen blendet die Duftwolke aus, für jeden anderen ist sie aus einigen Metern Entfernung zu vernehmen. Adaption ist ein Vorgang aus der Zeit, als das Überleben durchaus vom Geruchssinn abhängen konnte, bei dem der eigene Geruch ausgeblendet wird um Feinde rechtzeitig wittern zu können. Heute sorgt diese Funktion des Riechorgans leider nur noch dafür, dass wir unseren eigenen Mundgeruch oder Schweiß so gut wie gar nicht selber wahrnehmen können. Und auch keine Überdosis Duft an uns selbst.
Idealerweise sollte man Extraits mindestens eine Stunde bevor man das Haus verlässt auftragen. Noch besser ist es meiner Meinung nach am Abend zuvor, Extraits halten sehr lange. Irgendwann ist nur noch die Basisnote vorhanden, jedoch aufs vortrefflichste mit dem Eigengeruch des Trägers oder der Trägerin vermischt, was das Ganze ja erst zu einem Erlebnis für Mitmenschen macht. Sofern der Eigengeruch eine gewisse Qualität hat.

Eau de Parfum
Mit 10 – 15 Prozent Duftölanteil immer noch eine Herausforderung für feine Nasen. Ein Stoß direkt an den Hals ist in den meisten Fällen ausreichend und der Abglanz zum Teil noch nach bis zu zwei Tagen (wenn nicht geduscht oder übermäßig geschwitzt wurde) zu erschnuppern.

Eau de Toilette
Zwei Sprühstöße an Hals und Brustkorb, evtl. zusätzlich an ein Handgelenk und dieses an das andere reiben. Hat mehr als 5 und weniger als 10 Prozent Duftölanteil. Im Extemfall entsprechen also acht Sprühstöße Eau de Toilette einem Stoß Extrait de Parfum Intense. Oder andersherum: Wer vier mal auf den Zerstäuber des Extrait drückt, kann auch 32 mal das Eau de Toilette benutzen – völliger Overkill.

Eau de Cologne
Nur 3 – 5 Prozent Duftanteil. Hier darf es gerne ein Sprühstoß mehr sein. Eau de Cologne verfliegt relativ schnell und sorgt für eine angenehm unaufdringliche Beduftung.

Splash (auch Splash Cologne)
Die leichteste der Dosierungen. Wem das Eindieseln als Vorgang Freude bereitet, der oder die sollte zum Splash greifen. Hier darf nach Herzenslust von oben bis unten der ganze Körper eingesprüht werden. Bei einem Duftstoffanteil zwischen einem und drei Prozent ist eine Überdosierung nahezu ausgeschlossen, die Haltbarkeit ist gering, manchmal ist der Duft schon nach wenigen Stunden verflogen.

 

Hast du jemanden im Freundeskreis oder Kollegium, der oder die zuviel Parfum benutzt? Paföng de la möng? Wer kennt das nicht. Sprich es an, unter vier Augen, ohne Vorwurf, oder: schick ihm/ihr diesen Artikel. Die Person wird es dir danken.