Bordtagebuch, Sonntag, 21.11.2021

Heute stelle ich mir zum ersten Mal einen Wecker, denn Christian geht von Bord, und ich möchte mich natürlich verabschieden. Bis nach Haren ist es nur eine Stunde, und da wir heute kurz vorm Stahlwerk anlegen um zu übernachten und morgen noch den ganzen Tag  gelöscht wird, kann er für zwei Tage nach Hause. Der Audi wird mit dem Bordkran an Land gesetzt, auch der alte Bordhund Aaron Killer hat kurz Landgang und inspiziert im Rentnertempo das Ufer, dann geht es weiter. Michael übernimmt jetzt das Schiff. Ich bin ja am Steinhuder Meer in Niedersachsen aufgewachsen. Wenn man mit dem Auto in die nächste Großstadt fuhr, also nach Hannover, konnte man entweder über die Autobahn – oder auch über die wesentlich ruhigere und schönere Kanalstraße fahren, die ein Stück am Mittellandkanal entlangführt. Heute fahre ich das erste mal AUF dem…Continue reading Bordtagebuch, Sonntag, 21.11.2021

Bordtagebuch, Samstag, 20.11.2021

Heute müssen wir durch sechs Schleusen, das bedeutet: viel Wartezeit. Die Schleusen in den Niederlanden sind breiter und länger, da passen auch (je nach Größe) drei bis vier Schiffe gleichzeitig rein. Hier in Deutschland ist die Schleuse mit einem Schubverbund wie der MS MICHAELA dicht. Und so bilden sich manchmal Schlangen vor der Schleuse. Der Schleusenarbeiter ist mit einem Haken gesichert, wie beim Bergsteigen, wirft ein Seil herunter, und mit dem zieht er das dicke Seil der Michaela hoch und macht es fest. Während das Wasser langsam ansteigt müssen die Matrosen an der Winde das dicke Seil aufwickeln und straff halten, so lang, bis wir oben sind und die Schleuse sich öffnet. Während der Fahrt sind die Jungs unter Deck im Maschinenraum und schleifen alles, um es anschließend neu zu lackieren. Eine echte Sisyphos-Arbeit: Das komplette Schiff wird nach und…Continue reading Bordtagebuch, Samstag, 20.11.2021

Bordtagebuch, Freitag, 19.11.2021

Ein herrlich ereignisarmer Tag. Während wir die Waal herunter Richtung deutsche Grenze schippern, schrubben Pavel, Bartosz und Michael das Deck, was nach jedem Ladevorgang dran ist. Zwar ist der Walzdraht nicht besonders staubig und das Schiff anschließend nicht so eingesaut wie bei Kohle, aber jeder Ladevorgang macht Dreck. Und dieses Schiff ist wirklich extrem sauber, vor allem innen – da bin ich von den Containerschiffen aus Bremen ganz anderes gewohnt. Das andere Ereignis des Tages: Weil der Sprit in den Niederlanden günstiger ist, tanken wir kurz vor der Grenze nochmal. Währenddessen mache ich allerdings ein ganz ausgezeichnetes Nickerchen. Zwar sehe ich aus meinem Fenster noch, dass ein Boot anlegt, aber erfahre erst später, weshalb. Natürlich gibt es auch für Binnenschiffe Tankstellen. Doch die MS MICHAELA ist zu lang, also kommt das Bunkerschiff zu uns. Um mal eben knapp 20.000 Liter…Continue reading Bordtagebuch, Freitag, 19.11.2021

Bordtagebuch, Donnerstag, 18.11.2021

Gestern Abend lange gelesen, endlich mal wieder ein gutes Buch, bei dem man sich schon aufs Weiterlesen am nächsten Tag freut. Ist das nur bei mir so selten geworden? Ich musste in letzter Zeit drei Bücher in Reihe weglegen, zum Glück habe ich das inzwischen gelernt. Das Leben ist zu kurz, um sich durch langweilige Bücher zu quälen.Als es morgens mit dem Verladen der riesigen Drahtrollen aus Indien losgeht, schaue ich einmal kurz auf der Brücke vorbei, lege mich aber bald wieder hin. Irgendwie war ich noch nicht ganz mit Schlafen fertig. Lange lesen, lange schlafen – ein bisschen Urlaub ist dann doch angesagt. Vor allem, weil wir ja im Hafen liegen und heute nicht mehr viel passiert. Auf der anderen Seite des Wassers kann man etwas vom fancy Rotterdams sehen, moderne Gebäude, Cafés, Wassertaxis – wenn wir hier den ganzen…Continue reading Bordtagebuch, Donnerstag, 18.11.2021

Bordtagebuch, Mittwoch, 17.11.2021

Es ist herrlich, aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen und zu sehen, dass das Schiff schon fährt. Das gemütliche Tempo, Vater und Sohn, die ein eingespieltes Team sind und Humor haben, die niederländischen Funksprüche, Schiffsführer Christian, der in seinem Chefsessel ruht und das unglaublich lange Schiff mit 15 – 18 km/h sicher durch die Kanäle schippert. Links und rechts die vorbeiziehende Landschaft, hin und wieder ein Schleusenstopp, den Nachbarschiffen zuwinken – all das bringt mich so wahnsinnig gut runter und zurück zu mir. Den verregneten Vormittag verbringe ich mit Schreiben. Diese Reise ist ja kein Urlaub – auch wenn die Arbeit Spaß macht. Um ehrlich zu sein: Schreiben fühlt sich für mich selten wie Arbeit an. Anscheinend habe ich da Glück, denn ich kenne viele wehklagende Kolleg:innen, denen die Arbeit an ihren Romanen aus mir nicht bekannten Gründen Schmerzen bereitet…Continue reading Bordtagebuch, Mittwoch, 17.11.2021

Bordtagebuch, Dienstag, 16.11.2021

Gestern, nach Ankunft, bringe ich Koffer und Rucksack in mein Zimmer und mache mich frisch. Dann betrete ich die Wohnräume der MS MICHAELA. Schiffsführer Christian und Sohnemann Michael haben es sich in einem überraschend geräumigen Wohnzimmer auf Sofa und Sessel mit Netflix gemütlich gemacht. Ein Raum mit offener Küche, Tresen und Esstisch, auf dem gigantische Screen an der Wand ist das Pausenbild eines Films zu sehen. Es  lässt sich am Fortschrittsbalken erkennen, dass der Film genau in der Mitte ist – ich komme mir vor wie ein Eindringling. Wir werden die nächste Woche auf engstem Raum verbringen. „Ich will gar nicht groß stören“, sage ich, doch die beiden winken ab. Es gibt ein Begrüßungsbierchen und schnell ist der Film vergessen. Ich frage nach den Regeln an Bord.„Du kannst Dich hier frei bewegen und in der Küche alles benutzen. Drinnen nur Hausschuhe,…Continue reading Bordtagebuch, Dienstag, 16.11.2021

Bordtagebuch, Montag, 15.11.2021

Heute ist es also soweit. Ich gehe für eine Woche an Bord des Binnenschiffs MS Michaela. Mittwoch war ich mit dem Eigner und Schiffsführer Christian (bisher dachte ich fälschlicherweise, dass auch die Binnerschiffbosse „Käpt’n“ heißen) zum Telefonieren verabredet, um herauszufinden, wo ich am Samstag zusteigen kann. Als „Partikulier“ ist er mit dem eigenen Schiff unterwegs und kriegt die Aufträge kurzfristig von einem Makler rein, weiß also nie, wo es nächste Woche hingeht. Als wir am Mittwoch telefonieren, zeichnete sich ab, dass der Samstag schwierig wird. Der Rhein hat gerade Niedrigwasser, und dann wird auch noch eine alte Brücke abgebaut, so dass er eine ungeplante Zwangspause einlegen muss, doch keiner weiß, wie lang genau. Sicher ist nur: Montag liefert er Hochofenschlacke nach Lixhe, das ist an der niederländischen Grenze, kurz unter Maastricht. Sicherheitshalber telefonieren wir Sonntag Abend nochmal, dann buche ich…Continue reading Bordtagebuch, Montag, 15.11.2021