Wie läuft’s? Dezember 2018

Letztes Jahr fuhr ich nach Weihnachten für zwei Tage alleine in ein altes Hotel in Lauenburg. Ein Hotel, das nicht nur wie aus den sechziger Jahren aussah, sondern tatsächlich bereits als Kulisse für den in dieser Zeit spielenden Film "Die Banklady“ hatte herhalten müssen. Ich wollte dort in Ruhe meinen Romananfang überarbeiten. Für so etwas war in meinem Alltag als freier Motion Designer und Familienvater kaum Zeit. Das Schreiben war immer ein Hobby, dem ich nur morgens, nachts oder im Urlaub nachgehen konnte. Doch ich hatte mir vorgenommen, endlich Ernst mit meinem Romanprojekt zu machen. Dieses Jahr wollte ich konzentrierter schreiben und noch mehr über Plot und Dramaturgie lernen. Unter anderem stand ein Besuch der narrativa auf dem Plan. Das ist eine Autorenmesse mit Vorträgen, Pitching Sessions und Workshops.

Vor ziemlich genau einem halben Jahr, am 1. Juni 2018 nahm ich im Kloster Andechs mein Namensschild und meinen narrativa-Kugelschreiber entgegen und stürzte mich ins Getümmel. Heute bin ich bei der Elisabeth Ruge Agentur unter Vertrag, btb veröffentlicht im Frühjahr 2020 meinen Roman, (als Hardcover), ich habe einen Hamburger Literaturförderpreis gewonnen, ich kann vom Schreiben leben. Wie konnte sich mein Leben innerhalb von sechs Monaten so verändern?

Es begann damit, dass ich mich vor Ort spontan entschloss, an einer der Pitching-Sessions teilzunehmen.
Eine Pitching-Session läuft so:
Man sitzt im Stuhlkreis mit einer Literaturagentin und ca. 25 anderen Menschen die davon träumen, Schriftstellerin zu werden. Jede hat 5 Minuten, um ihr Romanprojekt zu pitchen, dann gibt es konstruktives Feedback von der Agentin und falls eine der Teilnehmerinnen möchte, kann sie sich auch noch äußern oder der Autorin Fragen stellen. (normalerweise gendere ich meine Beiträge, bei diesem Abschnitt wurde es mir zu kompliziert, so habe ich mich dagegen entschieden und ausschließlich die weibliche Form gewählt, obwohl auch männliche Agenten, Autoren und Teilnehmer zugegen waren, wenn auch in der Unterzahl. Nebenbei ist das eine schöne Art die Humbug-Behauptung zu entlarven, eine rein männliche Ansprache sei nicht diskriminierend, weil "neutral" zu verstehen.)
Mein Pitch verlief wirklich überraschend, ich hätte nicht gedacht, dass meine Story für derartige Erheiterung sorgen würde. Vor allem, weil es sich um eine Zusammenfassung handelte, ich hatte nicht eine Zeile Text vorgelesen. Es verunsicherte mich sogar, dass alle immer wieder lachten, weil ich dachte: Ok, es ist einfach zu bekloppt für die Welt da draußen. Doch die Agentin, die auch lachen musste, wollte anschließend, dass ich ihr meinen ersten fertigen Teil und das Exposé schicke. Mehr hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht vorzeigbar fertig und so mailte ich ihr ohne große Erwartungen meinen Text. Nach ein paar Wochen meldete sie sich. Es sei zwar wahnsinnig und man müsse noch viel Arbeit hineinstecken, von einer geplanten zweiten Zeitebene wollte sie mir auch abraten (dass es sogar drei Zeitebenen geben würde, hatte ich erstmal verheimlicht), aber sie habe Lust auf das Projekt. Auch wenn man es wahrscheinlich nicht los würde. Eine Mail später hatte ich einen Agenturvertrag von Agentur 1 im Postfach.
Ich wusste, dass man ohne eine Literaturagentur heutzutage nirgendwo landen kann, dass dies die erste Hürde ist, die ein Autor nehmen muss: Zuallererst eine halbwegs vernünftige, gut vernetzte Agentur finden. Ziemlich erfreut erzählte ich einem alten Freund davon, der in der Buchbranche arbeitet. Er meinte, dass sei in meiner Phase das Beste, was mir passieren könne, riet mir jedoch, noch mindestens zwei weitere Agenturen zu kontaktieren. Ich kannte keine, er hingegen schon, wesentlich größere Kaliber. Zwei Telefonanrufe und Pitches später verschickte ich schon wieder meinen Romananfang. Es war gerade kurz vor Klagenfurt, sie waren mehr oder weniger alle unterwegs zum Bachmannpreis, aber auf der Reise, da ließe sich ja gut lesen.
Zwei Tage später kam eine sehr positive, kurze Nachricht von Valentin Tritschler, dem Agenten der Elisabeth Ruge Agentur (ERA). Bereits am nächsten Tag dann ausführliches und begeistertes Feedback. Und der nächste Agenturvertrag im Anhang. Mein Impostor-Syndrom meldete sich. Da konnte doch irgendetwas nicht stimmen, wie ich mich mit einem Blick auf die Website der Agentur versicherte. Hier wurden so einige Autoren vertreten, die ich selber im Regal stehen hatte - zum Teil sogar im Plattenregal.
Bei Agentur 3, ein Laden mit einem noch beeindruckenderen, weil größeren Autorenportfolio wurde ich zunächst intern weitergereicht, doch der zweite Agent las ebenfalls überraschend zügig. Dann auch Feedback von Agentur 3:
„Sehr schön, man liest selten etwas, dass bereits so fertig ist. Wir würden das gleich mit zur Buchmesse nehmen im Oktober.“
Auch ERA hatte von der Buchmesse gesprochen, dabei war ich noch nicht mal halb fertig!
Ich war kurz davor, in den Urlaub zu fahren, erbat mir Bedenkzeit und wollte danach erstmal alle kennenlernen.
Während des Urlaubs wollte ich auch den zweiten Abschnitt (von fünf geplanten) fertig schreiben, das hatte ich angekündigt, damit wollten sie dann losziehen. Ich fuhr also nach Italien, saß ab dem ersten Hahnenschrei unter Olivenbäumen, schrieb in den Tag hinein und las alle Interviews mit und Artikel über Elisabeth Ruge, die ich im Netz finden konnte. Ich war einigermaßen beeindruckt. Mit Valentin, wir waren längst per Du, hatte ich einen telefonischen Kennenlerntermin mit ihr ausgemacht. Das Gesieze in der Literaturbranche ist mir immer noch fremd, als Grafiker und Musiker bin ich es gewohnt alle bis in die Chefetage zu duzen. Gesiezt werde ich eigentlich nur von gut erzogenen Kindern und auf dem Amt oder in der Bank. Also ein Telefonat mit Frau Ruge. Es wurde ein langes, ein tolles Telefonat, wieder diese Begeisterung für meinen Text, Lomi Lomi für mein Künstlerego. Und das von dieser Frau, die als absolut seriös einzustufen war, das hatte nicht nur meine Recherche sondern auch mein alter Freund bestätigt. Als wir uns anschließend noch ganz seriös Hundebilder schickten, sie vom italienischen Windspiel aus ihrer Kindheit und ich von meinem Whippet hatte ich mich längst entschieden. Nach dem Urlaub unterschrieb ich den Vertrag bei ERA und sagte den beiden anderen, ebenfalls unfassbar netten Agent*innen ab. Agentur 1 beglückwünschte mich sogar, so viel Sportlichkeit hatte ich nicht erwartet.
Im Oktober, noch vor der Buchmesse wurden die ersten beiden Teile meines Romanprojekts verschickt. Plötzlich lag mein Text auf den Schreibtischen der ersten Liga – und wurde gelesen. Die Liste der Verlage war ebenso beeindruckend wie die Absagen. Ein Programmchef bescheinigte mir Größenwahn, der andere wusste nicht, wie man das pitchen sollte (ist ja auch schwer, viel los da in Charlies Welt), aber die meisten waren angetan, bekamen es aber in ihrem Haus nicht durch oder es passte aus anderen Gründen nicht ins Programm. Es kam, wie von Elisabeth (wir sind nun auch per Du) vorausgesagt: Mehrere Verlage wollten den Stoff haben.
Am Ende entschied ich mich für den btb Verlag, die ganzen Rahmenbedingungen dort sind wirklich perfekt: Ich darf meinen eigenen Lektor mitbringen, was wohl ein nicht gerade alltäglicher Vorgang ist. Und dieser Lektor wird vom Verlag bezahlt und ist mein alter Freund Matthias Teiting. Wir haben früher zusammen gewohnt, zusammen geschrieben, musiziert und studiert und jetzt machen wir im nächsten Sommer, wenn ich alles fertig geschrieben habe gemeinsam mein Buch rund. Und zu allem Überfluss habe ich auch noch einen Hamburger Literaturförderpreis bekommen. Es ist wirklich ein bisschen übertrieben, wie gut es gerade läuft. Andererseits: Ich habe mir auch wirklich Mühe gegeben.
Falls also jemand Serotonin braucht, mein Körper produziert es gerade im Überfluss.
Die letzten Jobs als Motion Designer und Regisseur tröpfeln diesen Monat noch aus, machen zum Glück riesigen Spaß, doch noch mehr Freude macht die Arbeit an meinem Roman. Zur Zeit schreibe ich noch wie früher, morgens oder nachts, aber ab Januar bin ich dann erstmal: Schriftsteller.

Duft

 

Eine Frau steigt zu mir ins leere Zugabteil. Verspeist eine Banane. Beginnt dann ihre Nägel – glücklicherweise nur die der Finger – zu lackieren. Erstaunlicherweise trägt die stark geschminkte Mitreisende weder „Poison“ noch „Opium“ – für meine Nase die beiden abstoßendsten Parfums, die je ein Duftatelier verlassen haben.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich eine Nase habe? Natürlich klingelt jetzt noch ihr Marimbaphone in Fliegeralarmlautstärke.
Langsam erreiche ich das Alter, in dem Erste-Klasse-Tickets als sinnvolle Investition erscheinen. Obwohl die an Körperverletzung grenzende Überdosierung von Parfums auch – oder gerade – in der „besseren Gesellschaft“ gepflegt wird. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: wenn meine Riechzellen in einem Bahnabteil von Banane/Döner/hart gekochtem Ei attackiert werden, oder wenn ich einen der Düfte ertragen muss, die als „sinnlich“ oder „orientalisch“ vermarktet werden und mit denen sich Trägerinnen ohne Gefühl für die richtige Anzahl von Sprühstößen die nicht vorhandene Aura lackieren.
Das unsachgemäße Auflegen von Aromastoffen ist selbstverständlich kein rein weibliches Phänomen. Deshalb, liebe Menschen aller 60 Geschlechter der Erde, hier die weltweit gültige Mengenregel für die Anwendung von Duftprodukten nach S. Stuertz.

Zunächst muss gesagt werden, dass es keine universellen Regeln geben kann, da sich beispielsweise schwere, orientalische Düfte viel stärker durchsetzen und länger halten als frische, leichte Parfums, unabhängig von der Konzentration des Duftstoffes. Doch vielen ist gar nicht bewusst, was der Unterschied zwischen einem Eau de Parfum, einem Eau de Cologne oder einem Eau de Toilette ist. Es handelt sich in der Regel nur um unterschiedlich hohe Konzentrationen des Duftöls, innerhalb einer Linie wird die Rezeptur nur selten leicht variiert.

Vielleicht sollte ich noch etwas anmerken: Charlie Berg, der Protagonist meines Romans „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ (Arbeitstitel) hat die feine Nase eines Hundes und kreiert u.a. Parfums. Was dazu geführt hat, dass ich mich für die Recherche mit Parfumkultur und -geschichte, Duftbeschreibungen und der Herstellung von Düften beschäftigt habe.

Extrait Parfum
Mit einem Duftölanteil von mindestens 15 und bis zu 40 Prozent („Intense“) lassen sich Extraits durchaus als Biowaffe einsetzen. Hier ist höchste Vorsicht geboten! Einen Sprühstoß in die Luft stäuben und dann durch die Wolke hindurchschreiten ist vollkommen ausreichend. Ein Tropfen aufs Handgelenk oder an den Hals tut es auch. Manche kaufen sich ein Extrait, haben bisher nur Eau de Toilettes benutzt und überdosieren aus alter Gewohnheit. Die Adaption der eigenen Riechzellen blendet die Duftwolke aus, für jeden anderen ist sie aus einigen Metern Entfernung zu vernehmen. Adaption ist ein Vorgang aus der Zeit, als das Überleben durchaus vom Geruchssinn abhängen konnte, bei dem der eigene Geruch ausgeblendet wird um Feinde rechtzeitig wittern zu können. Heute sorgt diese Funktion des Riechorgans leider nur noch dafür, dass wir unseren eigenen Mundgeruch oder Schweiß so gut wie gar nicht selber wahrnehmen können. Und auch keine Überdosis Duft an uns selbst.
Idealerweise sollte man Extraits mindestens eine Stunde bevor man das Haus verlässt auftragen. Noch besser ist es meiner Meinung nach am Abend zuvor, Extraits halten sehr lange. Irgendwann ist nur noch die Basisnote vorhanden, jedoch aufs vortrefflichste mit dem Eigengeruch des Trägers oder der Trägerin vermischt, was das Ganze ja erst zu einem Erlebnis für Mitmenschen macht. Sofern der Eigengeruch eine gewisse Qualität hat.

Eau de Parfum
Mit 10 – 15 Prozent Duftölanteil immer noch eine Herausforderung für feine Nasen. Ein Stoß direkt an den Hals ist in den meisten Fällen ausreichend und der Abglanz zum Teil noch nach bis zu zwei Tagen (wenn nicht geduscht oder übermäßig geschwitzt wurde) zu erschnuppern.

Eau de Toilette
Zwei Sprühstöße an Hals und Brustkorb, evtl. zusätzlich an ein Handgelenk und dieses an das andere reiben. Hat mehr als 5 und weniger als 10 Prozent Duftölanteil. Im Extemfall entsprechen also acht Sprühstöße Eau de Toilette einem Stoß Extrait de Parfum Intense. Oder andersherum: Wer vier mal auf den Zerstäuber des Extrait drückt, kann auch 32 mal das Eau de Toilette benutzen – völliger Overkill.

Eau de Cologne
Nur 3 – 5 Prozent Duftanteil. Hier darf es gerne ein Sprühstoß mehr sein. Eau de Cologne verfliegt relativ schnell und sorgt für eine angenehm unaufdringliche Beduftung.

Splash (auch Splash Cologne)
Die leichteste der Dosierungen. Wem das Eindieseln als Vorgang Freude bereitet, der oder die sollte zum Splash greifen. Hier darf nach Herzenslust von oben bis unten der ganze Körper eingesprüht werden. Bei einem Duftstoffanteil zwischen einem und drei Prozent ist eine Überdosierung nahezu ausgeschlossen, die Haltbarkeit ist gering, manchmal ist der Duft schon nach wenigen Stunden verflogen.

 

Hast du jemanden im Freundeskreis oder Kollegium, der oder die zuviel Parfum benutzt? Paföng de la möng? Wer kennt das nicht. Sprich es an, unter vier Augen, ohne Vorwurf, oder: schick ihm/ihr diesen Artikel. Die Person wird es dir danken.

 

 

Wann machst du das nur alles?

Ruhe.

Als Debütant hat man ja selten die Ruhe, die es eigentlich braucht, wenn man ernsthaft schreiben will. Ich habe eine Frau, zwei Kinder, einen Hund, Freunde, einen Cyborg, ein Bilderwitze- & Podcast-Duo und bin auch noch Freelancer, der sich seine Jobs selber suchen muss. Alles davon macht mich glücklich, doch allen in dem Maße gerecht zu werden, wie sie es verdient hätten ist unmöglich.
„Wann machst du das nur alles?“
Diesen Satz höre ich immer wieder von Freunden oder Kollegen, und jedesmal wundert mich diese Frage, denn ich bin ein unorganisierter, fauler Chaot, der gefühlt nichts hinbekommt von all dem, was eigentlich zu tun ist: Ich will zu viel und langweile mich relativ schnell. Das erklärt die diversen Branchenwechsel in meiner Vita und vielen Spielwiesen, auf denen ich mich nebenbei austobe. Neue Dinge anzufangen ist meine große Leidenschaft. Leider bin ich aber nicht der große Meister der letzten 10%, die ja bekanntermaßen das Schwierigste eines jeden kreativen Prozesses sind. Alles dauert dadurch viel zu lange oder verreckt kurz vorm Ziel.
Vor einiger Zeit wollte ich dem kräftezehrenden Leben in Multiversen ein Ende setzen, „erwachsen“ werden, und ich war ein Jahr als Teilhaber und Geschäftsführer bei der tollen Filmproduktion mookwe. Das war lehrreich und spannend, hat aber alles andere komplett auf Eis gelegt. Und das stellte sich dann doch als der falsche Plan heraus. Diverse Stubenhacker-Videos schlummern halbfertig auf meiner Festplatte. Unser Alphabeten-Podcast-Projekt ist seit über einem Jahr in Vorbereitung. Bilderwitze, fertig konzipiert und getextet, warten darauf von mir gezeichnet zu werden. Meine Frau und ich haben uns nach über zwanzig Jahren Ehe zum ersten Mal ein gemeinsames Atelier angelacht, das will gestaltet, belebt und eingerichtet werden.
Was mir längst klar ist: Würde ich mich auf eine Sache konzentrieren, ich könnte eventuell exzellent sein. Aber nur in einer Sache. So bleibe ich auf vielen Gebieten guter Durchschnitt und veröffentliche alle Jubeljahre eine CD, früher waren es Tapes, dann Bandcamp-/Soundcloud-Uploads, als letztes sogar eine LP, manchmal Bilderwitze, demnächst starten wir einen Podcast.

Aber wenn alles so läuft, wie meine Agentin behauptet, veröffentlicht tatsächlich irgendjemand in nicht so ferner Zukunft mein Buch.

Nach der unvorhersehbaren Dynamik, die das mit meinem Roman in den letzten Monaten aufgenommen hat, ist dies natürlich mein Hauptprojekt, bzw. wünschte ich, es wäre es. Gedanklich ist es das definitiv. Aber das Geld fließt zur Zeit nur dank meiner „Haupttätigkeit“ als Motion Designer, die mir immer noch riesigen Spaß macht, da ich inzwischen für meinen Stil gebucht werde und meist machen kann, was ich will und das den Leuten auch noch gefällt – ein Traum, auf den ich lange hingearbeitet habe.

Dennoch, was ich will und immer wollte ist: Schreiben.
Nur wann? Wann machst du das nur alles?
Im Urlaub bin ich regelmäßig um 5:00 Uhr aufgestanden und habe stundenlang in die aufgehende Sonne hineingeschrieben. (Siehe oben.) Seit ich zurück bin, habe ich das höchstens zwei Mal gemacht. (Und dann auch nicht mit so einem Ausblick.) Da meine Agentur das Manuskript aber noch vor der Buchmesse den passenden Verlagen anbieten wollte musste ich noch zwei Kapitel fertigstellen. In so einem Fall hilft nur eins: Mich selber unter Druck setzen. Wie geht das? Eine Deadline heraufbeschwören. Ich sage einfach zur Agentur: Bis Ende der Woche habt ihr die überarbeiteten Seiten. Und dann muss das gehen. Und es ging.
Das ist das ganze Geheimnis. Ich funktioniere nur mit Deadlines. In der Werbung und im TV-Bereich geht es nicht anders. Kampagnen sind durchgetaktet, Sendetermine stehen fest. Schlaflose Nächte, durchgearbeitete Wochenenden, Kinder, die einen siezen, weil man solange nicht zu Hause war.

Hätte nie gedacht, dass ich von der Erfahrung je profitieren würde.

Wie läuft’s? September 2019

So, ein kleines Update zum Fortschritt meines Romanprojekts. Ich habe heute Teil 2 beendet. Inzwischen bin ich bei ca. 300 Normseiten – und das ist nicht mal die Hälfte. Will ich wirklich einen 700- oder 800-Seiten-Wälzer schreiben? Nein, vor solchen Büchern schrecke ich als Leser selber zurück. Der Plan war schon immer, erstmal mehr als nötig zu schreiben, um dann im zweiten Schritt alles auf ein kompaktes Werk einzudampfen. Freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit einem Lektorat und den professionellen Blick von außen. Nach einigen Jahren in der Werbebranche bin ich es zum Glück gewohnt, auf „Kundenwünsche“ einzugehen. Und in meinem Falle wäre das dann der Verlag, der mein Buch herausbringen möchte.

Soeben habe ich beide Teile an meine Agentur geschickt, außerdem an meinen Freund und Lektor Matthias. Deren Feedback setze ich noch bis zur Buchmesse um, denn dahin nimmt Elisabeth Ruge meine Leseprobe mit und bietet sie verschiedenen Verlagen an.

Als ich anfing, den Anfang meines Romans an die ersten Testleser rauszugeben war ich natürlich sehr gespannt auf ihr Feedback. Es war zum Glück gutes Feedback – doch auf das Feedback von Freunden sollte man nicht all zu viel geben, es sei denn sie sind vom Fach. Viel aufregender war es, als die ersten Rückmeldungen der Literatur-Vollprofis kamen, mit denen ich jetzt zusammenarbeiten darf. Erleichternderweise war es noch besser, als das meiner Freunde. Was für meine Freunde spricht.
Trotzdem sitze ich jetzt wieder auf heißen Kohlen. Habe ich diesmal zu viel gewagt? Ist es vielleicht doch zu dreckig und brutal? Oder ist genau das meine Stärke?

Beim Musik machen und Songtexte schreiben weiß ich längst, was ich kann und was ich will. Da fühle ich mich nach ein paar Jahrzehnten sicher. Beim Schreiben ist alles noch relativ neu, auch wenn ich jetzt schon ein paar Jahre an diesem Roman arbeite. Als ich anfing, mich mit Meta-Literatur zu beschäftigen war ich völlig überwältigt: Worauf man achten muss, was es zu bedenken gibt, wie hart man jede Szene planen muss, wenn man will, dass es sich gut liest und wie oft man alles immer wieder überarbeiten muss. Ich kann mich noch genau an diesen einen Moment erinnern, als ich dachte: Will ich das wirklich alles noch lernen? Kann ich das überhaupt?

Jetzt bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Ich schreibe ein Buch. Es wird dick, und lustig, und traurig. Es geht voran. Und will man meiner Agentur glauben, weiß ich schon in wenigen Wochen, wer es veröffentlichen wird.

Ach die Welt hat nur Verachtung

Vor über zwanzig Jahren (1995) habe ich mich mit meinem Freund, dem großen Nikolaus eine Woche lang im Ferienhaus meiner Oma eingeschlossen, um Musik aufzunehmen. Dabei vertonten wir auch das erste Mal einen fremden Text. Ein wahllos aus dem Bücherregal gegriffener und nach dem Zufallsprinzip aufgeschlagener Band von Brecht war der Ursprung. Ich hatte damals keine Ahnung von und keine Meinung zu Brecht, ich weiß noch, wie mich die sexuelle Komponente des Textes überraschte.
Dank unserer Vertonung kann ich nun also einen fragwürdigen Teil aus Berthold Brechts Werk für immer auswendig. Diese Lieblingszeile finde ich immer noch fast ein Tattoo wert. Vor kurzem habe ich ein altes Foto entdeckt, das ich gemacht habe, als ich in einem alten Skizzenheft dieses Skribble entdeckt habe. Die Erinnerung an eine Erinnerung an eine Erinnerung.

Die Phasen des konzentrierten sich-fallen-lassen-Könnens in kreative Prozesse sind der größte Luxus, die das Leben mit Anfang zwanzig zu bieten hat. Erst der Alltag eines Freiberuflers mit Familie macht einem deutlich, wie verschwenderisch man damals mit seiner Zeit umgegangen ist. Hätte ich doch damals nur die Effizienz gehabt, zu der einen das Leben als Erwachsener zwangsläufig erzieht. Ich frage mich immer: Warum soll man eigentlich nicht bereuen? Ich bereue, in jungen Jahren nicht zielstrebig genug gewesen zu sein, auch wenn all der sinnlose Output am Ende wichtig war und mich zu dem gemacht hat, der hier nun sitzt und diese Zeilen schreibt und hochzufrieden mit seinem Leben ist.

Also ihr jungen Leute, lasst es euch gesagt sein: Genießt das Leben, aber lasst es euch gesagt sein: Später habt ihr keine Zeit mehr. Das Leben mit Kindern ist schön, wirklich, aber es ändert alles. Grundsätzlich. Für immer.

Wie läuft’s? August 2018

Mein Roman (Arbeitstitel übrigens: Töten, Lieben, Schreiben, Ficken, Sterben) kommt eigentlich gut voran, trotzdem habe ich gerade mal knapp die Hälfte.
Ich habe eine fünfteilige Struktur geplant. Der erste Teil ("Töten") ist 139 Seiten lang und hat 22 Kapitel.
Der zweite Teil ("Lieben") ist bereits über 150 Seiten lang. Ein, zwei Kapitel fehlen noch. Ich glaube, Teil 3, 4 und 5 werden jeweils nur etwa 100 Seiten lang.
Am Ende will ich bei ca. 500 - 550 Seiten rauskommen, da wird also definitiv einiges gekürzt.

Empfinde ich immer als Genuss: Sätze streichen, was für ein Luxus.

Ich schreibe ein Buch.

Hallo, mein Name ist Sebastian und ich schreibe ein Buch. Einen Roman. Er wird dick, und lustig, und traurig. Angeblich sogar spannend, aber das musst du selber entscheiden, wenn er fertig ist. Falls dich interessiert, wie es dazu kommen konnte, wenn du wissen willst, wie mein Buch entsteht, wann es fertig ist und was ich auf dem Weg dahin alles erlebe und erledige, wirst du auf diesen Seiten fündig.

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