Bald ist es ein Buch

Wie läuft’s? … sollte eigentlich eine monatliche Rubrik werden. Es läuft gut! Aber ist auch viel los hier, deshalb war ich etwas nachlässig. Hier eine kurze Zusammenfassung der letzten Monate:

Ende Mai 

Für das Finale ziehe ich mich im Mai nach Lauenburg zurück. Unwirkliches Gefühl, als ich plötzlich fertig bin. Eine Woche vor der Deadline. Es sind sehr viele Seiten geworden, Leute lachen, wenn ich ihnen sagen, wie viele. „Ambitioniert“ ist so ein Wort, das bedeutet so viel, wie: „Du bist doch bekloppt, wer soll das denn alles lesen?“ Keine Sorge, wird alles noch etwas eingedampft. Der Plan von Anfang an war, erstmal alles hinzuschreiben (vieles musste auf diese Art auch erst entdeckt werden) um dann großzügig wegstreichen zu können – ein herrlicher Luxus.

Mein Verlag ist happy, es scheint nicht der Regelfall zu sein, dass fristgerecht abgegeben wird. Bin also neuerdings Streber! Einmal mehr denke ich, dass ich nicht nur Schmerz und Trauma aus meiner Zeit in der Werbung mitgenommen habe: Deadlines sind mein Motor.

Anfang Juni

Verlag und Lektor und auch meine Agentin haben gelesen, es gibt positive Rückmeldungen, ich bin erleichtert. Gerade wegen des vierten Teils hatte ich etwas Sorge, es stellt sich heraus, dass dort am wenigsten gemacht werden muss. Hauptsächlich, na klar, Kürzungen. Mein Lektor und ich fahren fünf Tage ans Meer, besprechen bei Strandspaziergängen, was nun zu tun ist. Der Roman liegt ausgedruckt als dicker Stapel auf dem Schreibtisch, versehen mit handschriftlichen Korrekturzeichen und Zahlen am Rand, dazu gibt es digitale Dokumente mit Anmerkungen. Ich fahre mit einem Plan nach Hause. Doch vorher belohnen wir uns, u.a. mit Pekingentenpüree mit Popcornschaum.

Ende Juni

Treffen mit allen Abteilungen im Verlag in München. Die Frau von der Presse kenne ich schon, ich lerne Marketing, Vertrieb, Veranstalter und das Random House Studio kennen, wo ich die ersten zehn Seiten einlese und eine Grußbotschaft für die Vertreterkonferenz aufnehme. Im September muss ich fertig sein, damit das Leseexemplar rechtzeitig produziert werden kann.

Anfang Juli

Es geht nach Italien. Zurück nach Cesano. Ich sitze jetzt auf der gleichen Terrasse, auf der ich vor einem Jahr den zweiten Teil meines Buches fertig geschrieben habe. Hier habe ich das erste Mal mit meiner Agentin Elisabeth Ruge telefoniert. Damals hatte ich noch nicht bei ihr unterschrieben, erst 130 Seiten waren fertig und ich hörte von dem Plan, dass sie mein „Buch“ im Oktober mit zur Messe nach Frankfurt nehmen will. Hat sie dann gemacht. Ist das alles erst ein Jahr her? In ungefähr zwei Monaten geht mein Roman in den Satz. Eine unverrückbare Deadline, herrlich.
Und im Frühjahr 2020 erscheint:
Das eiserne Herz des Charlie Berg

Wie läuft’s? März 2019

Seit ich öffentlich darüber schreibe, dass ich schreibe, erreichen mich hin und wieder Nachrichten von alten Bekannten, Kollegen und Verwandten. Ich bekomme entzückende Mails von Menschen, die ich seit Jahren nicht gesprochen habe, alle freuen sich für mich und auf mein Buch. Einen Roman zu schreiben scheint nicht nur für mich eine Art heiliger Akt zu sein.

Andreas, ein alter Bekannter, ist so begeistert von meinem märchenhaft anmutenden Einstieg ins Literaturgeschäft, dass er anruft, um mir mitzuteilen, wie sehr ihn das freut. Er fragt mich, ob ich noch einen Parfumeur für die Recherche suche, er habe gelesen, dass es in meinem Roman um Düfte geht. Sein Nachbar sei zufällig in der Branche tätig. Er heißt Christian Plesch, arbeitet als Senior Perfumeur bei einem großen, weltweit agierenden Duftkonzern und ist „auch verrückt“, was wohl bedeutet, dass ich es auch bin. Aus seinem Mund klingt das allerdings wie ein Kompliment.
Besonders spannend an Christian ist, dass er nebenher noch eigene Düfte entwickelt: NASENGOLD und WACKELWASSER. Die Beschreibungen der Düfte auf seiner Website klingen fantastisch, außerdem lese ich: Bei der Entwicklung seiner Duftideen inspirieren ihn besonders Punkrock, Coffein, Kurven, Impulsivität und die Malerei. Wir telefonieren kurz, es stellt sich heraus, dass Christian auch noch literaturbegeistert ist. Da passt alles. Wir verabreden uns für ein Interview und treffen uns zwei Wochen später in einer Bar.

Foto: Tara Wolff

S: Christian, wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

C: Ich wollte unbedingt etwas Kreatives machen, hatte auch mit Malerei geliebäugelt, mich dann aber für den Beruf des Parfumeurs entschieden. In Deutschland gibt es dafür allerdings so gut wie keine Ausbildungsplätze im Sinne der IHK (Industrie- und Handelskammer). Also habe ich erstmal Chemielaborant bei Haarmann & Reimer (heute Symrise) in Holzminden gelernt, einem damaligen Weltkonzern für Düfte und Riechstoffe. Neben der Ausbildung habe ich dann begonnen, im Labor zu experimentieren. Nach Feierabend blieb ich länger im Betrieb und mischte wild Riechstoffe durcheinander, bis ich meine erste vorzeigbare Kreation hatte. Ich rannte zum Chef, er fand es nicht schlecht, fragte nach der Formel. Die gab es natürlich nicht, damals wusste ich noch nichts über die Dokumentation von Formeln und wie man eigentlich an Düften arbeitet. Ich war schier zu begeistert, um strukturiert vorzugehen.

S: Aber du wolltest es unbedingt lernen. Hast du dann noch eine Zusatzausbildung gemacht?

C: Ja, ich habe meinen Chef so hartnäckig genervt, bis ich im gleichen Konzern einen der wenigen und begehrten Ausbildungsplätze zum Parfumeur bekommen habe. Nur alle fünf Jahre wurden dort eine handvoll Nasen ausgebildet. Und bei Symrise war unter der Federführung von Egon Ölkers in jedem Jahrgang ein Freigeist, ein unkonventioneller Kreativer vorgesehen. Diese Rolle war anscheinend mir zugedacht.

S: Was hast du anschließend gemacht?

C: Nach der Ausbildung ging ich für H&R nach Paris. Bei einem Pitch für Armani scheiterte ich nur knapp. Die Formel habe ich aufgehoben, irgendwann sollte sie noch mal zum Einsatz kommen – bisher hat nur meine Frau dieses Parfum getragen.
Dann kam das Angebot meines jetzigen Arbeitgebers: Ich sollte für den Konzern in Hamburg Düfte entwickeln. Dort bin ich inzwischen Senior Perfumer und für die Entwicklung von Düften aller Art zuständig: Vom Fine Fragrance für bekannte Modehäuser über Düfte für Handcremes und Duschgels oder auch Parfum für Reiniger bis hin zum Wollwaschmittel-Duft ist alles dabei.

S: Wie muss man sich das vorstellen, hantierst du mit Fläschchen und Pipetten, arbeitet du mit weißem Kittel im Labor?

C: Nein, meine Arbeit findet überwiegend im Kopf und am Computer im eigenen Büro statt. Ich habe eine große Sammlung an Duft-Akkorden in meiner Datenbank. Wenn ein Waschmittel einen neuen Duft braucht, kann man das Rad nicht neu erfinden, es gibt gewisse Standards, die gelernt sind und zumindest in der kommerziellen Parfümerie unbedingt beherzigt werden sollten: In Düften von Reinigern und Seifen finden sich oft Aldehyde, das nehmen Menschen als sauber wahr. Oder Meister Proper, der riecht z.B. im Grundakkord nach Fichte, der je nach Variante oder Farbe variiert – auch das verbinden wir mit Reinlichkeit. Handcremes sollten immer pflegend riechen, das heißt, man sollte die floralen, gerne weißblütigen Akkorde mit pudrigen, anisigen oder süßen Riechstoffen ins Pflegende hineinziehen. Ich greife also zunächst auf funktionierende Akkorde zu, die ich dann abändere oder neu kombiniere.

S: Und wie gehst du bei deinen eigenen Düften vor?
#S (sprich: „Raute-S“) klingt nicht gerade nach Standardformeln:

#S – DER ERSTE DUFTSTOFF DES JUNGEN HAMBURGER LABELS NASENGOLD – STRAHLT DIE ESSENZ DES TRIPS AUS. Das Liquid ist gebraut um eine Weinhefenote, die mit rosa Pfeffer und Ingwer angefeuert wird – dreht sich um eine rosengeschmückte Tafel mit Grapefruit, Bier sowie Kardamom – und findet seinen glimmenden Nachhall in sinnlichem Moschus und Amberanklängen: Chill-Out.

S: Das klingt eher wie die Beschreibung eines Drogenrauschs.

C: Auf dem kommerziellen Parfummarkt wird leider unheimlich viel Konventionelles immer wieder kopiert und nachgebaut. Wenn es einen Hit gibt, versuchen alle anderen etwas Ähnliches auf den Markt zu bringen. Ich wollte genau das Gegenteil von Allem, was kommerzielle Düfte auszeichnet. Und das vom Duft bis zum Look der Verpackung: abgefahrene Düfte, die ungewohnt riechen, modern sind, vielleicht auch irritieren, den Rausch als Duft zelebrieren – das klingt ja auch im Namen an. Der Erfolg von „#S“ (sexy, spritzig)  gab mir Recht. Auch „:P“ (Pfeffer) und „G.“ (Grapefruit) liefen gut. Lediglich mit „/L“ (Luxus, Laster, Lenzen) habe ich mich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Ein Duft, der nach Wildleder, rauchigem Jasmin und Benzin riecht – den Geruch von Benzin habe ich als Kind geliebt – hat leider meine Erwartungen bezüglich des Erfolges am Markt nicht so ganz erfüllt. Shit happens.

Foto: Tara Wolff

Nach einem weiteren Rosé für den Parfumeur und einem weiteren Rumcocktail für den Autoren sprechen wir über mein Projekt. Ich hatte ihm vorab Auszüge meines Romans geschickt, und zwar die Passagen, in denen mein Protagonist Düfte beschreibt – vor allem eine seiner eigenen Duftkreationen: Seeweh. Es ist der Geruch eines Tags am Strand, der am Abend noch auf der Haut liegt. Eine Kombination aus Sonnenmilch, Salz, Sand, Algen und einer Spur Fisch und Diesel. Christian gefallen meine Duftbeschreibungen, er bringt Muschelschale statt Fisch ins Gespräch, mitsamt verwesendem Muschelfleisch, was ich direkt nach unserem Treffen in meinen Text einfließen lasse:

Jetzt kam sie sogar richtig nahe, ein paar Zentimeter neben meinem Gesicht machte sie Halt und schloss die Augen. Der Geruch von Asche hing in ihrem Haar, Alkohol vom vorigen Tag dampfte aus ihren Poren. Sie wich wieder zurück, ihre Zungenspitze kam ganz kurz einen Millimeter zum Vorschein.

„Ist das von dir?“ Sie sog noch mal Luft ein, zwei Mal kurz, ein Mal lang. „Charlie, das ist gut.“ 

„Ist noch nicht ganz fertig“, antwortete ich.

„Algen, Salz, Sand, ein bißchen Sonnenmilch … und sind das … Muscheln? Warst du am Meer? Es riecht nach Fernweh. Wie Sehnsucht nach der See. Seeweh. Originell. Wie hast du es genannt?“

„Es hat noch keinen Namen.“

Als ich ihm erzähle, dass ich den Rezensionsexemplaren des Buches am liebsten eine Duftprobe des Parfums aus dem Buch beilegen würde, ist er sofort begeistert. Er hat vor einiger Zeit einen Akkord namens Seabreeze entwickelt, von dem er immer noch nicht so genau weiß, was er damit anfangen soll. Diese eher streng riechende Basis mit klassischem Sonnenmilchduft zu kombinieren hält er für eine richtig gute Idee. So gut, dass er so schnell wie möglich ein paar Varianten im Labor in Auftrag geben will. Und wenn es mir gefällt kann er mir ein Kilo herstellen lassen. Ich müsste das dann nur selber per Hand in kleine Phiolen füllen, so hat er das zu Beginn bei Nasengold auch gemacht, für die Duftproben, die man verschickt und verschenkt. Er will nachsehen, ob er vielleicht noch welche auf dem Dachboden hat. Was ist hier los? Unfassbarer Typ!

Auf dem Heimweg bin ich ganz berauscht. Das Parfum aus meinem Buch soll Wirklichkeit werden? Noch im Bus texte ich meinem Lektor. Er antwortet trocken: „Nicht schlecht. Das hatte nicht mal Süskind.“

Zwei Wochen später meldet sich Christian per SMS: „Oh, da stehen drei Schweinereien im Labor hab ich gesehen … da bin ich mal gespannt! Müssen uns zum Evaluieren verabreden …“
Er hat drei Chargen anmischen lassen, die sich nur im Verhältnis der Sea Base und dem auf Fine Fragrance getrimmten Sonnenmilchduft unterscheiden. Wir verabreden uns für den nächsten Samstag Abend. Netterweise bringt er ein WACKELWASSER light für meine Frau mit, die unser Zusammentreffen fotografisch festhält: Es riecht spritzig, zitrisch, kribbelig, nach Champagner und steht Tara außerordentlich gut.

Ich muss es mir noch mal klar machen: Ich kenne einen Parfumeur, der ein Parfum aus meinem Buch zum Leben erwecken will und mir jetzt ein paar kleine Sprühflaschen und einen Plastikbeutel voller Riechstreifen auf den Tisch stellt. Danke Andreas, mein Leben hat einen interessanten Twist bekommen.

Die Profi-Riechstreifen kenne ich schon aus Christians Büro und den Laboren seines Konzerns, die ich in der Woche zuvor besichtigt habe, aber auch aus diversen Dokus über Parfumherstellung. Diese geruchlosen Papierstreifen sind anders geformt als die simplen Pappstreifen, die man von Douglas & Flughafenparfümerien kennt, laufen spitz zu und haben eine Falz in der Mitte, so dass sie sich der Länge nach leichter knicken lassen. Damit wedelt der Profi sich den Duft zu.

Christian schraubt bei allen drei Flaschen den Sprühkopf ab und tunkt je drei Streifen mit der Spitze in die Düfte. Die Streifen werden beschriftet: Charge E, F und G. Tara, er und ich nehmen jeder ein Set und schnuppern die drei Varianten, fächern uns den Duft zu. Es ist unfassbar. Tatsächlich Alge und Salz, die Sonnenmilch hat er mit einem ganz zarten Hauch Kokos abgerundet, ich bin am Meer, das sich immer wieder hervorschält. Kann das denn sein?

Noch besser, wie meist, kommt der Duft später auf der Haut zur Geltung. In den folgenden Tagen teste ich die verschiedenen Chargen, schnuppere immer wieder an meinem Handgelenk und versuche das Gefühl zu ergründen, das der Geruch in mir auslöst. Irgendwann wird mir klar: Ich habe Seeweh.


SEEWEH
Kopfnote: Lemon, Petigrain Citronnier, Seabreeze, ozonic notes, Oyster
Herznote: Neroli, Tuberose, Kokosnuss
Basisnote: Alge Absolue, Eichenmoos, Sandel, Benzoin, Vetiver

NASENGOLD
#S (Raute-S)
Kopfnote: Weinhefe, Bergamotte, Kardamom, Ingwer, Davana, Grapefruit, rosa Pfeffer, Zitrone
Herznote: Rose, Tuberose, Maiglöckchen, malzige Noten, Wein
Basisnote: Vetiver, Iso E, Moschus, Weihrauch, Eichenmoos, ledrige Noten

G. (G-Punkt)
Kopfnote: Grapefruit, Schwefelnoten, rosa Pfeffer, Ingwer, Limette
Herznote: Sambac, Rose, Orangenblüte
Basisnote: Zedernholz, ledrige Noten, Vetiver, Patchouli, Kakao

WACKELWASSER
dark
Kopfnote
: Kardamom, Ingwer, Bergamotte, Zitrone
Herznote: Jasmin, schwarze Orchidee
Basisnote: Malz, Karamell, Zedernholz, dunkler Moschus

light
Kopfnote
: Orange Fizz, Ingwer, Pfeffer, Mandarine, Zitronenmelisse
Herznote: Weinhefe, Sambac, Neroli, Rose, wässrige Noten
Basisnote: Malzbier, Zedernholz, Moschus, ambrierte Noten

Übersicht über Christian Pleschs Parfums, eigene und Auftragsarbeiten (auf parfumo.de)

Write what you know

„Write what you know“ – eine der ersten Regeln, die man als Schreiber lernt, gleich nach „Show, don’t tell“.
Und wenn man etwas nicht weiß? Muss man recherchieren. Ich habe mich zwar schon immer für Düfte interessiert, als Teenager mit Hilfe eines Hobbythekbuchs sogar Versuche unternommen, einen eigenen Duft herzustellen, am Flughafen schlage ich die Wartezeit stets in den Parfumläden tot, Mitmenschen mit zu großzügig aufgetragenen Duftwässerchen können mir den Tag versauen. Doch habe ich bei Weitem nicht die Supernase meines Protagonisten Charlie. Um glaubhaft aus seiner Sicht schreiben zu können, muss ich also viel über die Geschichte und die Herstellung von Düften lesen, viele Parfums schnuppern und mich mit Profis aus der Branche treffen. Bei meinem letzten Berlinbesuch kam ich wieder bei Jo Malone vorbei, meine Agentur sitzt nur ein paar Häuser weiter, und dieses Mal musste ich ihn einfach mitnehmen: Den goldenen Koffer!

25 Düfte mit wenigen Inhaltsstoffen, dadurch alle miteinander kombinierbar, dazu die Kärtchen mit den Beschreibungen der Kopf-, Herz- und Basisnoten.

Der perfekte Trainingskoffer. Wenige der Düfte (alle unisex) würde ich selber tragen, dennoch tue ich es, um die Entwicklung, die diese oder jene Note auf der Haut nimmt, nachvollziehen zu können. Zum Teil muss ich auch Düfte erleiden, die sich überraschend entwickeln, aus denen sich nach ansprechender Kopfnote kleine Geruchsmonster hervorschälen, ich leide dann den ganzen Tag wie mein Ich-Erzähler und rieche wie ein Fremder, ‚method writing‘, wenn man so will. Also, meine lieben Freunde aus dem echten Leben: Wenn ich etwas seltsam rieche in nächster Zeit, wisst ihr warum.

Wir machen einen Podcast: Die Alphabeten – Übers Schreiben

Mein Freund Gerrit und ich haben uns im August 2016 getroffen und Bier getrunken. Es ging um Kalauer und Bilderwitze, und um die Frage, ob wir uns dafür nicht endlich mal zusammentun wollen. Zweieinhalb Jahre später: Wir haben als „Die Alphabeten“ gemeinsam über 60 Bilderwitze produziert und einen Podcast gestartet. Übers Schreiben.

Als ich Gerrit kennenlernte, fiel mir gleich auf, dass er in Gesprächen bei jeder Gelegenheit Gesagtes zu Wortspielen verdrehen und zu Gags umformen musste. Mit an Zwanghaftigkeit grenzender Frequenz. Wir saßen mit Manuel Möglich in der Kantine von Spiegel TV, ich war als Vorspann-Grafiker ins Boot geholt worden. Es ging um die Reihe „Deutschland von außen“ für zdf_neo.

Sicher nicht eine meiner spektakulärsten Arbeiten, aber sie markiert für mich den Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit und Freundschaft. Die Serie „Deutschland von außen“ wurde nicht fortgesetzt, zdf_neo hat in der Zwischenzeit eine neue CI bekommen, aber Gerrit und ich, wir sind über dieses Projekt zu den Alphabeten geworden, uns gibt es noch immer und hoffentlich noch eine ganze Weile.

Gerrit hatte damals bereits ein paar auf Wortspielen basierende Bilderwitze konzipiert, im fehlte aber das nötige Know How, um diese ansprechend zu Papier zu bringen. (Ich fand seinen Skribble-Stil eigentlich perfekt, aber er wollte es gerne etwas ausgefeilter.) Also sagte ich: Ich kann zwar nicht zeichnen, aber ich wollte mir schon lange ein iPad Pro zulegen, damit geht das ja quasi von alleine. Gesagt, getan, wie man so schön sagt. Der ursprüngliche Plan war es, ein Jahr lang jede Woche einen Bilderwitz zu veröffentlichen, um dann, mit mindestens 52 Witzen, ein kleines Büchlein machen zu können. Das mit den Witzen haben wir tatsächlich durchgehalten, ein Büchlein gibt es allerdings (noch) nicht.

Ein typischer Alphabeten-Kalauer: Manchmal muss man unsere Witze laut lesen, um sie zu verstehen

Nachdem wir an jenem bierseligen, lauen Sommerabend die Weltherrschaft im Kalauerbereich bereits an uns gerissen hatten, wollten wir mehr. Mehr Bier und mehr Herrschaft. Wir redeten weiter, übers Schreiben, ich erwähnte, dass ich nun endlich ernst machen wolle mit meinem Buch, Gerrit erzählte mir, wie es zu seinen beiden Romanen kam und schließlich beklagten wir die Lücke, die es unserer Meinung nach in der deutschen TV Unterhaltung im Literaturbereich gibt. Literatursendungen beschränken sich in der Regel auf Buchbesprechungen, selten geht es um die Menschen, die sich über Literatur hinaus mit Textarbeit beschäftigen: Gagschreiber*innen, Werbetexter*innen, Drehbuchautor*innen, Rapper*innen, Poetry Slammer*innen – was ist mit denen? Sie alle schreiben. Autorengespräche im TV sind viel zu selten und streifen oft nur, was jeden, der selber schreibt, doch so brennend interessiert: Das Handwerk des Schreibens, die Tools, die Höhen und Tiefen im kreativen Prozess – der Alltag einer Person, die sich täglich und professionell mit dem geschriebenen Wort auseinandersetzt.
Auch bei meiner Suche nach Podcasts zum Thema „Kreatives Schreiben“ wurde ich im deutschsprachigen Raum nicht wirklich fündig. Einige Schreibcoaches, die das Podcasten als Marketingtool ausprobiert und wieder fallen gelassen hatten gab es zwar, doch das war wenig unterhaltsam. Dann waren da noch die unermüdlichen Schreibdilettanten, deren Konsequenz ich bewundere, seit über 350 Folgen reden sie sich ein Mal pro Woche den Mund fusselig. Da es sich bei ihnen aber meist um Thriller- und Krimithemen, Selfpublishing und ihre eigenen Projekte dreht, stellte mich das auch nicht zufrieden.
Es gab da also diese Lücke, sowohl im TV- als auch im Podcastbereich. Das Podcasten erlebte damals gerade den Beginn seiner bis heute andauernden Renaissance. Wir planten selbstverständlich erst einmal die Alphabeten TV-Show. Schräg, lehrreich, mit spannenden Gästen und dabei vor allem unterhaltsam sollte sie sein. Gerrit als langjähriger TV Redakteur und ich, der ich als Motion Designer bereits mit diversen Formatentwicklungen zu tun hatte, waren aber realistisch genug, um zu wissen, dass wir zum warmwerden vielleicht erstmal kleinere Brötchen backen sollten. Und so wurde aus der großen Samstag Abend Show erstmal ein Podcast.

Familie, Job, ein Buch schreiben, Platten & Musikvideos rausbringen, Bilderwitze ausdenken und malen – und jetzt auch noch einen Podcast moderieren und produzieren? Wann machst du das nur alles? Die Frage habe ich bereits in einem früheren Blog Post ausführlich beantwortet. Es dauert eben alles ein bißchen länger. Ob das die klügste Vorgehensweise ist, ich weiß es nicht, aber irgendwie fällt mir bei dieser Art, mit vielen kreativen Projekten gleichzeitig zu jonglieren alle Jubeljahre was Fertiges vor die Füße, und ich wundere mich dann selber, wo es hergekommen ist.

Foto: Tara Wolff

Nach über zwei Jahren Planung, Aufnahme, Schnitt und nach einigen Kämpfen mit technischen Problemen (die wir auch ein ums andere Mal verloren haben) sind wir jetzt also am Start, unser Podcast ÜBERS SCHREIBEN ist da! Die ersten beiden Folgen mit Lucy Fricke sind online, wir haben einige weitere vorproduziert (Lyrikerin und Theaterautorin Dagrun Hintze sowie Werbetexter und Galerist Christian Pfaff vom Oberfett), wir werden die ein oder andere Session leider wiederholen müssen (aus Gründen) und ein paar echte Knüllerinnen in der Pipeline (Vea, Karla, Inger …)
Ich hoffe, uns ist es gelungen, eine kurzweilige Sendung zu kreieren, die Einblick gibt in den Alltag von Menschen, die sich täglich mit dem Handwerk des Schreibens auseinandersetzen und die dabei auch noch unterhaltsam ist. Und Kalauer gibt es auch, schließlich ist Gerrit mit dabei. Über Feedback freuen wir uns sehr, hört doch mal rein.


Ab sofort bei iTunes, Spotify, Soundcloud & Co.

Foto: Tara Wolff
Foto: Tara Wolff

Wie läuft’s? Dezember 2018

Letztes Jahr fuhr ich nach Weihnachten für zwei Tage alleine in ein altes Hotel in Lauenburg. Ein Hotel, das nicht nur wie aus den sechziger Jahren aussah, sondern tatsächlich bereits als Kulisse für den in dieser Zeit spielenden Film "Die Banklady“ hatte herhalten müssen. Ich wollte dort in Ruhe meinen Romananfang überarbeiten. Für so etwas war in meinem Alltag als freier Motion Designer und Familienvater kaum Zeit. Das Schreiben war immer ein Hobby, dem ich nur morgens, nachts oder im Urlaub nachgehen konnte. Doch ich hatte mir vorgenommen, endlich Ernst mit meinem Romanprojekt zu machen. Dieses Jahr wollte ich konzentrierter schreiben und noch mehr über Plot und Dramaturgie lernen. Unter anderem stand ein Besuch der narrativa auf dem Plan. Das ist eine Autorenmesse mit Vorträgen, Pitching Sessions und Workshops.

Vor ziemlich genau einem halben Jahr, am 1. Juni 2018 nahm ich im Kloster Andechs mein Namensschild und meinen narrativa-Kugelschreiber entgegen und stürzte mich ins Getümmel. Heute bin ich bei der Elisabeth Ruge Agentur unter Vertrag, btb veröffentlicht im Frühjahr 2020 meinen Roman, (als Hardcover), ich habe einen Hamburger Literaturförderpreis gewonnen, ich kann vom Schreiben leben. Wie konnte sich mein Leben innerhalb von sechs Monaten so verändern?

Es begann damit, dass ich mich vor Ort spontan entschloss, an einer der Pitching-Sessions teilzunehmen.
Eine Pitching-Session läuft so:
Man sitzt im Stuhlkreis mit einer Literaturagentin und ca. 25 anderen Menschen die davon träumen, Schriftstellerin zu werden. Jede hat 5 Minuten, um ihr Romanprojekt zu pitchen, dann gibt es konstruktives Feedback von der Agentin und falls eine der Teilnehmerinnen möchte, kann sie sich auch noch äußern oder der Autorin Fragen stellen. (normalerweise gendere ich meine Beiträge, bei diesem Abschnitt wurde es mir zu kompliziert, so habe ich mich dagegen entschieden und ausschließlich die weibliche Form gewählt, obwohl auch männliche Agenten, Autoren und Teilnehmer zugegen waren, wenn auch in der Unterzahl. Nebenbei ist das eine schöne Art die Humbug-Behauptung zu entlarven, eine rein männliche Ansprache sei nicht diskriminierend, weil "neutral" zu verstehen.)
Mein Pitch verlief wirklich überraschend, ich hätte nicht gedacht, dass meine Story für derartige Erheiterung sorgen würde. Vor allem, weil es sich um eine Zusammenfassung handelte, ich hatte nicht eine Zeile Text vorgelesen. Es verunsicherte mich sogar, dass alle immer wieder lachten, weil ich dachte: Ok, es ist einfach zu bekloppt für die Welt da draußen. Doch die Agentin, die auch lachen musste, wollte anschließend, dass ich ihr meinen ersten fertigen Teil und das Exposé schicke. Mehr hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht vorzeigbar fertig und so mailte ich ihr ohne große Erwartungen meinen Text. Nach ein paar Wochen meldete sie sich. Es sei zwar wahnsinnig und man müsse noch viel Arbeit hineinstecken, von einer geplanten zweiten Zeitebene wollte sie mir auch abraten (dass es sogar drei Zeitebenen geben würde, hatte ich erstmal verheimlicht), aber sie habe Lust auf das Projekt. Auch wenn man es wahrscheinlich nicht los würde. Eine Mail später hatte ich einen Agenturvertrag von Agentur 1 im Postfach.
Ich wusste, dass man ohne eine Literaturagentur heutzutage nirgendwo landen kann, dass dies die erste Hürde ist, die ein Autor nehmen muss: Zuallererst eine halbwegs vernünftige, gut vernetzte Agentur finden. Ziemlich erfreut erzählte ich einem alten Freund davon, der in der Buchbranche arbeitet. Er meinte, dass sei in meiner Phase das Beste, was mir passieren könne, riet mir jedoch, noch mindestens zwei weitere Agenturen zu kontaktieren. Ich kannte keine, er hingegen schon, wesentlich größere Kaliber. Zwei Telefonanrufe und Pitches später verschickte ich schon wieder meinen Romananfang. Es war gerade kurz vor Klagenfurt, sie waren mehr oder weniger alle unterwegs zum Bachmannpreis, aber auf der Reise, da ließe sich ja gut lesen.
Zwei Tage später kam eine sehr positive, kurze Nachricht von Valentin Tritschler, dem Agenten der Elisabeth Ruge Agentur (ERA). Bereits am nächsten Tag dann ausführliches und begeistertes Feedback. Und der nächste Agenturvertrag im Anhang. Mein Impostor-Syndrom meldete sich. Da konnte doch irgendetwas nicht stimmen, wie ich mich mit einem Blick auf die Website der Agentur versicherte. Hier wurden so einige Autoren vertreten, die ich selber im Regal stehen hatte - zum Teil sogar im Plattenregal.
Bei Agentur 3, ein Laden mit einem noch beeindruckenderen, weil größeren Autorenportfolio wurde ich zunächst intern weitergereicht, doch der zweite Agent las ebenfalls überraschend zügig. Dann auch Feedback von Agentur 3:
„Sehr schön, man liest selten etwas, dass bereits so fertig ist. Wir würden das gleich mit zur Buchmesse nehmen im Oktober.“
Auch ERA hatte von der Buchmesse gesprochen, dabei war ich noch nicht mal halb fertig!
Ich war kurz davor, in den Urlaub zu fahren, erbat mir Bedenkzeit und wollte danach erstmal alle kennenlernen.
Während des Urlaubs wollte ich auch den zweiten Abschnitt (von fünf geplanten) fertig schreiben, das hatte ich angekündigt, damit wollten sie dann losziehen. Ich fuhr also nach Italien, saß ab dem ersten Hahnenschrei unter Olivenbäumen, schrieb in den Tag hinein und las alle Interviews mit und Artikel über Elisabeth Ruge, die ich im Netz finden konnte. Ich war einigermaßen beeindruckt. Mit Valentin, wir waren längst per Du, hatte ich einen telefonischen Kennenlerntermin mit ihr ausgemacht. Das Gesieze in der Literaturbranche ist mir immer noch fremd, als Grafiker und Musiker bin ich es gewohnt alle bis in die Chefetage zu duzen. Gesiezt werde ich eigentlich nur von gut erzogenen Kindern und auf dem Amt oder in der Bank. Also ein Telefonat mit Frau Ruge. Es wurde ein langes, ein tolles Telefonat, wieder diese Begeisterung für meinen Text, Lomi Lomi für mein Künstlerego. Und das von dieser Frau, die als absolut seriös einzustufen war, das hatte nicht nur meine Recherche sondern auch mein alter Freund bestätigt. Als wir uns anschließend noch ganz seriös Hundebilder schickten, sie vom italienischen Windspiel aus ihrer Kindheit und ich von meinem Whippet hatte ich mich längst entschieden. Nach dem Urlaub unterschrieb ich den Vertrag bei ERA und sagte den beiden anderen, ebenfalls unfassbar netten Agent*innen ab. Agentur 1 beglückwünschte mich sogar, so viel Sportlichkeit hatte ich nicht erwartet.
Im Oktober, noch vor der Buchmesse wurden die ersten beiden Teile meines Romanprojekts verschickt. Plötzlich lag mein Text auf den Schreibtischen der ersten Liga – und wurde gelesen. Die Liste der Verlage war ebenso beeindruckend wie die Absagen. Ein Programmchef bescheinigte mir Größenwahn, der andere wusste nicht, wie man das pitchen sollte (ist ja auch schwer, viel los da in Charlies Welt), aber die meisten waren angetan, bekamen es aber in ihrem Haus nicht durch oder es passte aus anderen Gründen nicht ins Programm. Es kam, wie von Elisabeth (wir sind nun auch per Du) vorausgesagt: Mehrere Verlage wollten den Stoff haben.
Am Ende entschied ich mich für den btb Verlag, die ganzen Rahmenbedingungen dort sind wirklich perfekt: Ich darf meinen eigenen Lektor mitbringen, was wohl ein nicht gerade alltäglicher Vorgang ist. Und dieser Lektor wird vom Verlag bezahlt und ist mein alter Freund Matthias Teiting. Wir haben früher zusammen gewohnt, zusammen geschrieben, musiziert und studiert und jetzt machen wir im nächsten Sommer, wenn ich alles fertig geschrieben habe gemeinsam mein Buch rund. Und zu allem Überfluss habe ich auch noch einen Hamburger Literaturförderpreis bekommen. Es ist wirklich ein bisschen übertrieben, wie gut es gerade läuft. Andererseits: Ich habe mir auch wirklich Mühe gegeben.
Falls also jemand Serotonin braucht, mein Körper produziert es gerade im Überfluss.
Die letzten Jobs als Motion Designer und Regisseur tröpfeln diesen Monat noch aus, machen zum Glück riesigen Spaß, doch noch mehr Freude macht die Arbeit an meinem Roman. Zur Zeit schreibe ich noch wie früher, morgens oder nachts, aber ab Januar bin ich dann erstmal: Schriftsteller.

Duft

 

Eine Frau steigt zu mir ins leere Zugabteil. Verspeist eine Banane. Beginnt dann ihre Nägel – glücklicherweise nur die der Finger – zu lackieren. Erstaunlicherweise trägt die stark geschminkte Mitreisende weder „Poison“ noch „Opium“ – für meine Nase die beiden abstoßendsten Parfums, die je ein Duftatelier verlassen haben.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich eine Nase habe? Natürlich klingelt jetzt noch ihr Marimbaphone in Fliegeralarmlautstärke.
Langsam erreiche ich das Alter, in dem Erste-Klasse-Tickets als sinnvolle Investition erscheinen. Obwohl die an Körperverletzung grenzende Überdosierung von Parfums auch – oder gerade – in der „besseren Gesellschaft“ gepflegt wird. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: wenn meine Riechzellen in einem Bahnabteil von Banane/Döner/hart gekochtem Ei attackiert werden, oder wenn ich einen der Düfte ertragen muss, die als „sinnlich“ oder „orientalisch“ vermarktet werden und mit denen sich Trägerinnen ohne Gefühl für die richtige Anzahl von Sprühstößen die nicht vorhandene Aura lackieren.
Das unsachgemäße Auflegen von Aromastoffen ist selbstverständlich kein rein weibliches Phänomen. Deshalb, liebe Menschen aller 60 Geschlechter der Erde, hier die weltweit gültige Mengenregel für die Anwendung von Duftprodukten nach S. Stuertz.

Zunächst muss gesagt werden, dass es keine universellen Regeln geben kann, da sich beispielsweise schwere, orientalische Düfte viel stärker durchsetzen und länger halten als frische, leichte Parfums, unabhängig von der Konzentration des Duftstoffes. Doch vielen ist gar nicht bewusst, was der Unterschied zwischen einem Eau de Parfum, einem Eau de Cologne oder einem Eau de Toilette ist. Es handelt sich in der Regel nur um unterschiedlich hohe Konzentrationen des Duftöls, innerhalb einer Linie wird die Rezeptur nur selten leicht variiert.

Vielleicht sollte ich noch etwas anmerken: Charlie Berg, der Protagonist meines Romans „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ (Arbeitstitel) hat die feine Nase eines Hundes und kreiert u.a. Parfums. Was dazu geführt hat, dass ich mich für die Recherche mit Parfumkultur und -geschichte, Duftbeschreibungen und der Herstellung von Düften beschäftigt habe.

Extrait Parfum
Mit einem Duftölanteil von mindestens 15 und bis zu 40 Prozent („Intense“) lassen sich Extraits durchaus als Biowaffe einsetzen. Hier ist höchste Vorsicht geboten! Einen Sprühstoß in die Luft stäuben und dann durch die Wolke hindurchschreiten ist vollkommen ausreichend. Ein Tropfen aufs Handgelenk oder an den Hals tut es auch. Manche kaufen sich ein Extrait, haben bisher nur Eau de Toilettes benutzt und überdosieren aus alter Gewohnheit. Die Adaption der eigenen Riechzellen blendet die Duftwolke aus, für jeden anderen ist sie aus einigen Metern Entfernung zu vernehmen. Adaption ist ein Vorgang aus der Zeit, als das Überleben durchaus vom Geruchssinn abhängen konnte, bei dem der eigene Geruch ausgeblendet wird um Feinde rechtzeitig wittern zu können. Heute sorgt diese Funktion des Riechorgans leider nur noch dafür, dass wir unseren eigenen Mundgeruch oder Schweiß so gut wie gar nicht selber wahrnehmen können. Und auch keine Überdosis Duft an uns selbst.
Idealerweise sollte man Extraits mindestens eine Stunde bevor man das Haus verlässt auftragen. Noch besser ist es meiner Meinung nach am Abend zuvor, Extraits halten sehr lange. Irgendwann ist nur noch die Basisnote vorhanden, jedoch aufs vortrefflichste mit dem Eigengeruch des Trägers oder der Trägerin vermischt, was das Ganze ja erst zu einem Erlebnis für Mitmenschen macht. Sofern der Eigengeruch eine gewisse Qualität hat.

Eau de Parfum
Mit 10 – 15 Prozent Duftölanteil immer noch eine Herausforderung für feine Nasen. Ein Stoß direkt an den Hals ist in den meisten Fällen ausreichend und der Abglanz zum Teil noch nach bis zu zwei Tagen (wenn nicht geduscht oder übermäßig geschwitzt wurde) zu erschnuppern.

Eau de Toilette
Zwei Sprühstöße an Hals und Brustkorb, evtl. zusätzlich an ein Handgelenk und dieses an das andere reiben. Hat mehr als 5 und weniger als 10 Prozent Duftölanteil. Im Extemfall entsprechen also acht Sprühstöße Eau de Toilette einem Stoß Extrait de Parfum Intense. Oder andersherum: Wer vier mal auf den Zerstäuber des Extrait drückt, kann auch 32 mal das Eau de Toilette benutzen – völliger Overkill.

Eau de Cologne
Nur 3 – 5 Prozent Duftanteil. Hier darf es gerne ein Sprühstoß mehr sein. Eau de Cologne verfliegt relativ schnell und sorgt für eine angenehm unaufdringliche Beduftung.

Splash (auch Splash Cologne)
Die leichteste der Dosierungen. Wem das Eindieseln als Vorgang Freude bereitet, der oder die sollte zum Splash greifen. Hier darf nach Herzenslust von oben bis unten der ganze Körper eingesprüht werden. Bei einem Duftstoffanteil zwischen einem und drei Prozent ist eine Überdosierung nahezu ausgeschlossen, die Haltbarkeit ist gering, manchmal ist der Duft schon nach wenigen Stunden verflogen.

 

Hast du jemanden im Freundeskreis oder Kollegium, der oder die zuviel Parfum benutzt? Paföng de la möng? Wer kennt das nicht. Sprich es an, unter vier Augen, ohne Vorwurf, oder: schick ihm/ihr diesen Artikel. Die Person wird es dir danken.

 

 

Wann machst du das nur alles?

Ruhe.

Als Debütant hat man ja selten die Ruhe, die es eigentlich braucht, wenn man ernsthaft schreiben will. Ich habe eine Frau, zwei Kinder, einen Hund, Freunde, einen Cyborg, ein Bilderwitze- & Podcast-Duo und bin auch noch Freelancer, der sich seine Jobs selber suchen muss. Alles davon macht mich glücklich, doch allen in dem Maße gerecht zu werden, wie sie es verdient hätten ist unmöglich.
„Wann machst du das nur alles?“
Diesen Satz höre ich immer wieder von Freunden oder Kollegen, und jedesmal wundert mich diese Frage, denn ich bin ein unorganisierter, fauler Chaot, der gefühlt nichts hinbekommt von all dem, was eigentlich zu tun ist: Ich will zu viel und langweile mich relativ schnell. Das erklärt die diversen Branchenwechsel in meiner Vita und vielen Spielwiesen, auf denen ich mich nebenbei austobe. Neue Dinge anzufangen ist meine große Leidenschaft. Leider bin ich aber nicht der große Meister der letzten 10%, die ja bekanntermaßen das Schwierigste eines jeden kreativen Prozesses sind. Alles dauert dadurch viel zu lange oder verreckt kurz vorm Ziel.
Vor einiger Zeit wollte ich dem kräftezehrenden Leben in Multiversen ein Ende setzen, „erwachsen“ werden, und ich war ein Jahr als Teilhaber und Geschäftsführer bei der tollen Filmproduktion mookwe. Das war lehrreich und spannend, hat aber alles andere komplett auf Eis gelegt. Und das stellte sich dann doch als der falsche Plan heraus. Diverse Stubenhacker-Videos schlummern halbfertig auf meiner Festplatte. Unser Alphabeten-Podcast-Projekt ist seit über einem Jahr in Vorbereitung. Bilderwitze, fertig konzipiert und getextet, warten darauf von mir gezeichnet zu werden. Meine Frau und ich haben uns nach über zwanzig Jahren Ehe zum ersten Mal ein gemeinsames Atelier angelacht, das will gestaltet, belebt und eingerichtet werden.
Was mir längst klar ist: Würde ich mich auf eine Sache konzentrieren, ich könnte eventuell exzellent sein. Aber nur in einer Sache. So bleibe ich auf vielen Gebieten guter Durchschnitt und veröffentliche alle Jubeljahre eine CD, früher waren es Tapes, dann Bandcamp-/Soundcloud-Uploads, als letztes sogar eine LP, manchmal Bilderwitze, demnächst starten wir einen Podcast.

Aber wenn alles so läuft, wie meine Agentin behauptet, veröffentlicht tatsächlich irgendjemand in nicht so ferner Zukunft mein Buch.

Nach der unvorhersehbaren Dynamik, die das mit meinem Roman in den letzten Monaten aufgenommen hat, ist dies natürlich mein Hauptprojekt, bzw. wünschte ich, es wäre es. Gedanklich ist es das definitiv. Aber das Geld fließt zur Zeit nur dank meiner „Haupttätigkeit“ als Motion Designer, die mir immer noch riesigen Spaß macht, da ich inzwischen für meinen Stil gebucht werde und meist machen kann, was ich will und das den Leuten auch noch gefällt – ein Traum, auf den ich lange hingearbeitet habe.

Dennoch, was ich will und immer wollte ist: Schreiben.
Nur wann? Wann machst du das nur alles?
Im Urlaub bin ich regelmäßig um 5:00 Uhr aufgestanden und habe stundenlang in die aufgehende Sonne hineingeschrieben. (Siehe oben.) Seit ich zurück bin, habe ich das höchstens zwei Mal gemacht. (Und dann auch nicht mit so einem Ausblick.) Da meine Agentur das Manuskript aber noch vor der Buchmesse den passenden Verlagen anbieten wollte musste ich noch zwei Kapitel fertigstellen. In so einem Fall hilft nur eins: Mich selber unter Druck setzen. Wie geht das? Eine Deadline heraufbeschwören. Ich sage einfach zur Agentur: Bis Ende der Woche habt ihr die überarbeiteten Seiten. Und dann muss das gehen. Und es ging.
Das ist das ganze Geheimnis. Ich funktioniere nur mit Deadlines. In der Werbung und im TV-Bereich geht es nicht anders. Kampagnen sind durchgetaktet, Sendetermine stehen fest. Schlaflose Nächte, durchgearbeitete Wochenenden, Kinder, die einen siezen, weil man solange nicht zu Hause war.

Hätte nie gedacht, dass ich von der Erfahrung je profitieren würde.

Wie läuft’s? September 2019

So, ein kleines Update zum Fortschritt meines Romanprojekts. Ich habe heute Teil 2 beendet. Inzwischen bin ich bei ca. 300 Normseiten – und das ist nicht mal die Hälfte. Will ich wirklich einen 700- oder 800-Seiten-Wälzer schreiben? Nein, vor solchen Büchern schrecke ich als Leser selber zurück. Der Plan war schon immer, erstmal mehr als nötig zu schreiben, um dann im zweiten Schritt alles auf ein kompaktes Werk einzudampfen. Freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit einem Lektorat und den professionellen Blick von außen. Nach einigen Jahren in der Werbebranche bin ich es zum Glück gewohnt, auf „Kundenwünsche“ einzugehen. Und in meinem Falle wäre das dann der Verlag, der mein Buch herausbringen möchte.

Soeben habe ich beide Teile an meine Agentur geschickt, außerdem an meinen Freund und Lektor Matthias. Deren Feedback setze ich noch bis zur Buchmesse um, denn dahin nimmt Elisabeth Ruge meine Leseprobe mit und bietet sie verschiedenen Verlagen an.

Als ich anfing, den Anfang meines Romans an die ersten Testleser rauszugeben war ich natürlich sehr gespannt auf ihr Feedback. Es war zum Glück gutes Feedback – doch auf das Feedback von Freunden sollte man nicht all zu viel geben, es sei denn sie sind vom Fach. Viel aufregender war es, als die ersten Rückmeldungen der Literatur-Vollprofis kamen, mit denen ich jetzt zusammenarbeiten darf. Erleichternderweise war es noch besser, als das meiner Freunde. Was für meine Freunde spricht.
Trotzdem sitze ich jetzt wieder auf heißen Kohlen. Habe ich diesmal zu viel gewagt? Ist es vielleicht doch zu dreckig und brutal? Oder ist genau das meine Stärke?

Beim Musik machen und Songtexte schreiben weiß ich längst, was ich kann und was ich will. Da fühle ich mich nach ein paar Jahrzehnten sicher. Beim Schreiben ist alles noch relativ neu, auch wenn ich jetzt schon ein paar Jahre an diesem Roman arbeite. Als ich anfing, mich mit Meta-Literatur zu beschäftigen war ich völlig überwältigt: Worauf man achten muss, was es zu bedenken gibt, wie hart man jede Szene planen muss, wenn man will, dass es sich gut liest und wie oft man alles immer wieder überarbeiten muss. Ich kann mich noch genau an diesen einen Moment erinnern, als ich dachte: Will ich das wirklich alles noch lernen? Kann ich das überhaupt?

Jetzt bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Ich schreibe ein Buch. Es wird dick, und lustig, und traurig. Es geht voran. Und will man meiner Agentur glauben, weiß ich schon in wenigen Wochen, wer es veröffentlichen wird.

Ach die Welt hat nur Verachtung

Vor über zwanzig Jahren (1995) habe ich mich mit meinem Freund, dem großen Nikolaus eine Woche lang im Ferienhaus meiner Oma eingeschlossen, um Musik aufzunehmen. Dabei vertonten wir auch das erste Mal einen fremden Text. Ein wahllos aus dem Bücherregal gegriffener und nach dem Zufallsprinzip aufgeschlagener Band von Brecht war der Ursprung. Ich hatte damals keine Ahnung von und keine Meinung zu Brecht, ich weiß noch, wie mich die sexuelle Komponente des Textes überraschte.
Dank unserer Vertonung kann ich nun also einen fragwürdigen Teil aus Berthold Brechts Werk für immer auswendig. Diese Lieblingszeile finde ich immer noch fast ein Tattoo wert. Vor kurzem habe ich ein altes Foto entdeckt, das ich gemacht habe, als ich in einem alten Skizzenheft dieses Skribble entdeckt habe. Die Erinnerung an eine Erinnerung an eine Erinnerung.

Die Phasen des konzentrierten sich-fallen-lassen-Könnens in kreative Prozesse sind der größte Luxus, die das Leben mit Anfang zwanzig zu bieten hat. Erst der Alltag eines Freiberuflers mit Familie macht einem deutlich, wie verschwenderisch man damals mit seiner Zeit umgegangen ist. Hätte ich doch damals nur die Effizienz gehabt, zu der einen das Leben als Erwachsener zwangsläufig erzieht. Ich frage mich immer: Warum soll man eigentlich nicht bereuen? Ich bereue, in jungen Jahren nicht zielstrebig genug gewesen zu sein, auch wenn all der sinnlose Output am Ende wichtig war und mich zu dem gemacht hat, der hier nun sitzt und diese Zeilen schreibt und hochzufrieden mit seinem Leben ist.

Also ihr jungen Leute, lasst es euch gesagt sein: Genießt das Leben, aber lasst es euch gesagt sein: Später habt ihr keine Zeit mehr. Das Leben mit Kindern ist schön, wirklich, aber es ändert alles. Grundsätzlich. Für immer.

Wie läuft’s? August 2018

Mein Roman (Arbeitstitel übrigens: Töten, Lieben, Schreiben, Ficken, Sterben) kommt eigentlich gut voran, trotzdem habe ich gerade mal knapp die Hälfte.
Ich habe eine fünfteilige Struktur geplant. Der erste Teil ("Töten") ist 139 Seiten lang und hat 22 Kapitel.
Der zweite Teil ("Lieben") ist bereits über 150 Seiten lang. Ein, zwei Kapitel fehlen noch. Ich glaube, Teil 3, 4 und 5 werden jeweils nur etwa 100 Seiten lang.
Am Ende will ich bei ca. 500 - 550 Seiten rauskommen, da wird also definitiv einiges gekürzt.

Empfinde ich immer als Genuss: Sätze streichen, was für ein Luxus.